Kultur : Tango: Wogen mit Seele

Roman Rhode

Vor wenigen Jahren gastierte Juan José Mosalini in Berlin mit seinem elfköpfigen Orchester: einer Neuauflage jener großen Formationen, wie sie in den vierziger Jahren üblich waren, als Perón den Tango in Argentinien zum nationalen Kulturerbe erklärt hatte. Diesmal hat sich der Komponist und Bandoneon-Virtuose für ein Duo mit dem Gitarristen Leonardo Sánchez entschieden, mit dem er seit 1995 durch die Welt tourt. Das Resultat ist dasselbe: Mosalini treibt im Kammermusiksaal den Tango zur Perfektion. Das merkt man bereits an der Gitarre, die Sánchez zunächst als Soloinstrument einsetzt. Hier klingt die ganze musikalische Vielfalt des Tangos an, der sich aus der getragenen Habanera, der gravitätischen Zamba und anderen Tanzliedern Argentiniens speist. Mosalini umkreist den Tango in verschiedenen Spielarten von Milonga bis Vals, pfeift eine Melodie, hämmert einen Rhythmus mit den Fingerspitzen auf das Gehäuse seines Instruments, bis er schließlich zur eleganten Pose des postmodernen Compadrito findet. Dabei evoziert der weißhaarige Maestro natürlich auch die Klage der "grauen" Tangos aus der goldenen Zeit des Genres. Wenn dann Gitarre und Bandoneon zusammenfinden, entsteht ein äußerst dichter Dialog, der jedes Sextett überflüssig macht. Vielleicht liegt das Geheimnis des Tangos in dieser Reduktion: Sánchez stimmt auf seiner Gitarre die Seelenharfe Argentiniens an, Mosalini bringt die Wogen des Río de la Plata zum Sprechen.

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