Kultur : Tanker ohne Anker

Seit einem Jahr regiert Kirsten Harms die Deutsche Oper Berlin: Ist das Haus noch zu retten?

Frederik Hanssen

Kirsten Harms ist eine Ausnahmeerscheinung: Statt sich wie fast all ihre Künstlerkollegen in rätselhaftes Schwarz zu kleiden, trägt die Intendantin der Deutschen Oper Berlin konsequent strahlendes Weiß. Wer ihr begegnet, will in der zierlichen Frau mit dem gewinnenden Lächeln nur allzu gern die Chefärztin erkennen, die der angeschlagenen Charlottenburger Bühne neues Leben einhaucht. Erst die Ermüdungserscheinungen am Ende der überlangen Amtszeit von Götz Friedrich, dann das ewige Hickhack zwischen Udo Zimmermann und seinem Generalmusikdirektor Christian Thielemann, dazu das erdrückende Defizit und die verlotternden Foyers, Premierenflops, Publikumsschwund: Berlins größte Musiktheaterbühne war reif für die Intensivstation, als die allseits hoch geschätzte Kieler Theaterchefin Kirsten Harms vor einem Jahr zur neuen Leiterin des Hauses berufen wurde. Alle Hoffnungen ruhten auf ihr.

Die Zahlen sind in der Tat ermutigend. Durch die Gründung der Opernstiftung wurde das Haus entschuldet, konnte das Kalenderjahr 2004 sogar deutlich im Plus abschließen; die Publikumszahlen sind kontinuierlich gestiegen, bis auf 68 Prozent Auslastung im ersten Quartal diesen Jahres, das heißt: Durchschnittlich sitzen Abend für Abend 1200 Menschen im Saal. Doch die künstlerische Bilanz fällt mehr als ernüchternd aus: Für drei der vier Neuinszenierungen der Saison mussten kurzfristig Ersatzdirigenten gesucht werden. Erst verließ Thielemann Berlin im Streit mit dem Senat, dann starb überraschend Marcello Viotti. Jun Märkl, der für Wagners „Ring des Nibelungen“ engagiert worden war – und damit schon als potenzieller Thielemann-Nachfolger gehandelt wurde – musste sich ausbuhen lassen, ja, die Aufführung der „Götterdämmerung“ geriet zu einem derartigen Fiasko, dass erboste Besucher mitten in die Musik hinein „Geht nach Hause, üben“ riefen. Bei der Wiederaufnahme von Verdis „Macht des Schicksals“ musste die Pause auf fast eine Stunde gestreckt werden, weil die Technik den Umbau auf der Bühne nicht schneller bewältigte.

Zwei der vier Regisseure – Volker Schlöndorff und David Pountney – enttäuschten, die anderen beiden – Marco Arturo Marelli und Gilbert Deflo – zeigten sich schon rein handwerklich nicht in der Lage, die Sänger so differenziert zu führen, wie dies seit Götz Friedrich Standard in der Bismarckstraße ist. Von der neuen Hausherrin gibt es eine einzige Produktion im Repertoire, eine gelungene „Semiramide“ von Rossini, die Harms im Mai 2003 als Gast inszenierte. Genau an drei Abenden war diese Arbeit zu sehen – mit den Berliner Symphonikern im Graben, weil das hauseigene Orchester gerade auf Tournee war.

Kirsten Harms, so scheint es, bekommt den Laden nicht in den Griff. Und das, obwohl sie ihr Team mitgebracht hat, den Chefdramaturgen Andreas K. W. Meyer und Alexander von Pfeil, der ab kommender Saison als Chefregisseur fungiert. Im Gespräch erlebt man sie als charmant, locker, rhetorisch geschickt – und erfährt doch nichts Konkretes über ihre Ziele und Visionen. Sie verschanzt sich hinter ihren Vorgängern: Alles, was man bislang unter ihrer Ägide sehen konnte, seien Planungen gewesen, die sie vorgefunden habe. Auch in der kommenden Saison müsse sie vor allem Altlasten abarbeiten. Ihre eigene Handschrift werde erst die Spielzeit 2006/2007 tragen. Warum ist an der Deutschen Oper nicht möglich, was an der Staatsoper offensichtlich geht? Als Peter Mussbach Unter den Linden antrat, nahm er diverse Kursänderungen vor: Ein Opfer seiner Umbesetzungspolitik war damals Kirsten Harms, die bereits für eine Inszenierung Unter den Linden unter Vertrag stand, dann aber ausgeladen wurde.

Die Spielzeitvorschau der Deutschen Oper aber liest sich wie ein Altlastenkatalog. Bei Regisseuren und Dirigenten fehlen internationale Namen. An der größten Bühne der Hauptstadt aber erwartet man nicht nur große Namen, sondern auch die ganz großen Werke: 2005/06 aber wird es genau drei Wagner-Abende geben: ein Konzert mit Deborah Voight und Ben Heppner sowie zweimal „Tannhäuser“, wofür allerdings noch kein Dirigent feststeht. Bei Strauss sieht es ähnlich aus: Es kommt eine neue „Arabella“ heraus – aber nichts aus dem üppigen Strauss-Repertoire des Hauses wird zu sehen sein. Harms’ Kommentar: „Die Planungen sind, wie sie sind.“

Doch auch da, wo sie freie Hand hatte, setzt Harms, pardon, auf no names. Wer sich entschließt, zum Mozartjahr als einzigen Beitrag einen experimentellen Abend mit Kompositionsfragmenten herauszubringen, sollte wenigstens am Pult oder beim Inszenierungsteam Überraschendes zu bieten haben. Hier sind es Roland Schwab und Johannes Demus. Die Intendantin verweist auf die neuen Regelungen der Berliner Opernstiftung, die besagen, dass Kernwerke des Repertoires für die anderen Häuser zehn Jahre lang gesperrt sind, wenn eine der Bühnen eine Neuinszenierung herausbringt. Weil die Komische Oper derzeit einen ganzen Mozart-Zyklus erarbeitet, darf die Deutsche Oper frühestens 2011 einer der großen Mozart-Opern machen. Da haben sich ihre Vorgänger von der Konkurrenz die Rosinen wegschnappen lassen. Harms könnte offen legen, was Udo Zimmermann ihr eingebrockt hat, und sie könnte erklären, wo Interimsintendant Heinz-Dieter Sense Weichen gestellt hat. Dass es beispielsweise ihm zu verdanken ist, wenn beim neuen „Cavalleria rusticana“/„I pagliacci“-Abend in der kommenden Spielzeit für sechs Aufführungen zwei komplette Sängerbesetzungen engagiert wurden, was unweigerlich dazu führt, dass die Regie unkenntlich wird. Kirsten Harms will es sich mit niemandem verscherzen – und stößt damit doch alle vor den Kopf.

Besonders drängend ist die Suche nach einem neuen Chefdirigenten: Doch welcher Maestro von Weltruf sollte sich ein Haus interessieren, das mal eben alle Sinfoniekonzerte streicht, mit dem Argument, man brauche die Bühne komplett für szenische Aufführungen, weil die Erneuerung der Untermaschinerie ab Mai 2006 eine Schließung erzwingt? Für die zwei Monate, in denen das Haus dann während der Saison dicht ist, liegen bisher fast keine Planungen vor. Man darf gespannt sein, womit sich die Angestellten acht Wochen lang beschäftigen werden.

Gewiss, auch die anderen Häuser plagen sich mit Problemen herum: Die Komische Oper hat zwar ein ganz klares ästhetisches Profil und ein gutes junges Ensemble, ist aber weiterhin viel zu schlecht besucht. Die Lindenoper prunkt mit berühmten Namen und erfreut sich konstanter, ansehnlicher Zuschauerzahlen – dafür müssen nach der Havarie der hydraulischen Podien am 5. Mai nun Teile der Untermaschinerie aber stillgelegt werden. Seit zehn Jahren beklagen alle Verantwortlichen den Zustand, wollen sich jedoch nicht mit Reparaturen begnügen, sondern versteifen sich auf die teure Totalsanierung.

Kirsten Harms aber befindet sich derzeit im schlimmsten Dilemma: Eine künstlerische Linie des Hauses ist nicht erkennbar. Es mag sein, dass der Berliner Kultursenator sie über den Tisch gezogen hat, dass die neue Intendantin, noch bevor die Tinte unter ihrem Vertrag richtig trocken war, mit diversen Katastrophen konfrontiert wurde, von denen sie zuvor nichts wusste. Aber nach einem Jahr Einarbeitungszeit müsste es ihr wenigstens gelingen, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Die einfachste Lösung wäre gewesen, mit einer eigenen Inszenierung an der Bismarckstraße zwischen all den Notlösungen einen ästhetischen Akzent zu setzen: Schließlich ist sie wegen ihrer Qualitäten als Regisseurin engagiert worden.

Der Fall zeigt, wie heikel es heute ist, Künstlerintendanten an den ganz großen Häusern zu installieren. Mit dem mittelgroßen Kieler Theater kam Harms blendend zurecht – um einen schlingernden Musiktheater-Tanker wie die Deutsche Oper wieder auf Kurs zu bringen, braucht es aber ganz offensichtlich einen hauptberuflichen Kulturmanager. An der Komischen Oper ist das prototypisch zu beobachten: Hier hält Per Boje Hansen seinem Intendanten Andreas Homoki bislang den Rücken frei. Ein Glücksfall. Mit so einem Profi an ihrer Seite könnte auch Kirsten Harms endlich machen, was sie am besten kann: Regie führen.

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