Tankred Dorst : Erste Opernregie mit 80

Richard Wagners "Ring des Nibelungen" hat in der Inszenierung von Tankred Dorst am Mittwoch bei den Bayreuther Festspielen Premiere. Ein Interview mit dem Dramatiker.

Bayreuth - Für den 80-jährigen Dorst ist es die erste Opernregie. Der international renommierte Schriftsteller hat den «Ring» als Ersatz für den abgesprungenen dänischen Filmregisseur Lars von Trier in nur zwei Jahren erarbeitet. Die bis zum 2. August dauernden 95. Bayreuther Festspiele werden am Dienstag eröffnet. Christa Sigg sprach mit Tankred Dorst in Bayreuth über seinen Operndebüt.

Herr Dorst, Sie hatten für diesen «Ring» nicht einmal zwei Jahre. Hat die Zeit gereicht?

Wenn man so ein Riesenwerk inszeniert, reicht die Zeit nie. Und ich musste mich vor über einem Jahr festlegen. Aber ich bin als Regisseur ja nicht allein: Wir sind ein Team. Das ist sehr hilfreich, wenn es schnell gehen muss. Doch manches konnten wir nicht realisieren.

Immerhin ist die Welt Wagners für Sie keine fremde, oder doch?

Ja und nein. Meine Themen kommen zwar oft aus einem ähnlichen mythologischen Bereich. Doch ich gehe mit den Stoffen ganz anders um. Bei Wagners Musik hat mich manchmal das Timing irritiert. Denn ich bin von Natur aus eher unruhig und schnell. Großes Pathos liegt mir nicht. Ich sehe immer gleich den Bruch in den Dingen. Und der Offenbarung übergroßer Gefühle bringe ich eine ganz natürliche Skepsis entgegen. Doch wenn man Wagner inszeniert, muss man sich diesen Ausdrucksformen unterwerfen.

Manche Regisseure karikieren Wagner oder versuchen, dieses Pathos zu brechen.

Das möchte ich nicht. Ironie bedeutet Distanzierung, das ist nicht meine Haltung.

Sind Wotan, Fricka oder Froh also wieder richtige Götter?

Ja, man sollte auch nichts anderes daraus machen. Bei den Göttern unserer Inszenierung weiß man nicht, woher sie kommen. Ich stelle sie mir wie eine vagabundierende Truppe vor, die mal hier, mal dort auftaucht. Sie haben keinen historischen Ort und sind auch nicht durch Kostüme einzuordnen.

Also keine vermenschlichten Götter wie bei Ihrem Vorgänger Jürgen Flimm?

Nein. Sie haben auch keine Berufe, sind keine Börsenmakler oder dergleichen. Und die Menschen brauchen sie nicht mehr. Wenn diese Götter auf einer vertrockneten Wiese auftauchen, werden sie von den Menschen, die sich dort sonnen, nicht wahrgenommen. Im Hintergrund sieht man ausrangierte Denkmäler und Statuen. Die Geschichte spielt also in einer heutigen Welt mit all ihren Zerstörungen. Dann gibt es zum Beispiel einen abgeholzten Wald, über den eine Autobahn führt. Und auf der Autobahnbrücke verrichten ein paar Arbeiter Schweißarbeiten. Unten findet dann der Drachenkampf statt, von dem sie aber keinerlei Notiz nehmen.

Sie mischen verschiedene Zeiten?

Ja, in dieser Inszenierung werden Zeiten ineinander geschoben. Die Zeit der Götter, die wir nicht kennen, trifft auf das Heute: ein Nobelhotel, ein Abbruchhaus, eine struppige Wiese. Im ehemaligen Physiksaal einer verlassenen Schule sitzt Mime und versucht, das zerbrochene Schwert zusammenzuflicken.

Was ist neben diesen Zeitverschiebungen noch entscheidend?

Die unterschiedliche Wahrnehmung. Daraus resultieren so viele Probleme im Zusammenleben, auch der Völker. Wir haben die bereits erwähnten Bauarbeiter, die sich unterhalten und den Drachenkampf nicht beachten. Den nimmt nur ein kleiner Junge wahr, der in der Inszenierung immer wieder auftaucht.

Liefern Sie eine Deutung oder werfen Sie eher Fragen auf?

Ich kann eigentlich nur Fragen stellen, aber keine Antworten geben. Unsicherheit, das Nicht-Wissen, weckt die Kreativität.

Und was ist mit der Utopie?

In Wagners Schluss drücken sich ja musikalisch so etwas wie Hoffnung und Neubeginn aus. Wenn Brünhilde ins Feuer geht - die Gibichungen residieren in einem Nobelhotel am Rhein -, dann beginnt alles zu brennen. Die Bewohner des Hotels flüchten. Doch es gibt eine ratlose Gruppe, die nicht weiß, ob sie fliehen soll, weil draußen auch alles brennt.

Also alles offen?

Ja, und man kann wieder neu anfangen.

Der Ring als Parabel auf das Werden und Untergehen - mit vielen Brüchen?

Könnte man sagen, ja.

Und wie passt das alles zum Ansatz von Dirigent Christian Thielemann, der ja eher dafür plädiert, die Musik Wagners einfach mal zu genießen, ohne ständig nach Brüchen zu suchen?

Thielemann ist ein sehr guter Musiker. Natürlich gab es Reibungspunkte. Doch am Ende zählt das Ergebnis. Und da bin ich ganz zuversichtlich.

(tso/ddp)

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