Kultur : Tanz am Abgrund

Nicola Kuhn

Es ist ein merkwürdiger Reigen: 47 Männer und vier Frauen finden zueinander und bilden 25 Paare. Die einen tanzen virtuos einen Tango, andere versuchen eine Polka oder gar Boogie-Woogie. Die Berlinische Galerie spielt nach langer Zeit zum ersten Mal wieder auf. Sie hat ihre besten Tänzer aufs Parkett geschickt, die sich in gewagten Kombinationen umeinander drehen. So kommen Otto Dix und Thomas Eller zueinander, wagen Rudolf Schlichter und Thomas Demand ein Tänzchen, reichen Jeanne Mammen und Helmut Newton einander die Hand. In der kreisrunden Galerie der GrundKreditbank kann einem angesichts dieser "Paarungen" - so der Titel der von Ursula Prinz zusammengestellten Schau - schon schwindelig werden. Aber man freut sich doch, so vielen alten Bekannten wieder zu begegnen.

Als die Kunst obdachlos wurde

Vier Jahre ist es her, dass die Berlinische Galerie den Martin-Gropius-Bau verlassen und ihre Sammlung ins Depot packen musste, ohne einen gesicherten neuen Standort zu haben. Die von allen favorisierte Idee, das Postfuhramt an der Oranienburger Straße als neuen Standort einzurichten, zerschlug sich nach Differenzen zwischen Kultursenator Radunski und seinem Staatssekretär Pufendorf, wie es im Nachhinein heißt. Die zuletzt vom Eigentümer, der Deutschen Bundespost, geforderten 25 Millionen Mark plus mindestens 60 Millionen für den Ausbau entrücken den Plan heute ohnehin in unerreichbare Höhen.

Eine realisierbare Lösung für mindestens 24 Millionen Mark schien sich dagegen im ehemaligen Eiskeller der Kreuzberger Schultheiß-Brauerei aufzutun. Dort hätte die Berlinische Galerie als kulturelles Zugpferd für das neu entstehende Viktoria-Quartier mit seinen 300 Wohnungen dienen können. Als Eröffnungstermin war bereits der Sommer 2004 annonciert, auch wenn die Feuchtigkeit noch in den Gewölben steckt und zwischen Museum und Investor höchst unterschiedliche Vorstellungen über eine "schlüsselfertige" Übergabe existierten.

Seit die Investorengemeinschaft im Oktober vergangenen Jahres Insolvenz anmelden musste, redet über solche Details allerdings niemand mehr. Und auch die Hoffnung, dass der Insolvenzverwalter bis Ende März einen anderen Investor für das marode Projekt auftreiben könnte, ist inzwischen geschwunden. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, wird in der Kulturverwaltung nun fieberhaft nach einem neuen Ersatzquartier gesucht. Vom Staatsratsgebäude, sogar einer Rückkehr in den Martin-Gropius-Bau ist die Rede. Derweil hat sich Direktor Jörn Merkert in der alten Münze in Mitte sowie diversen Kraftwerken der Bewag umgeschaut - und dankend abgelehnt, da sie ihm zu versteckt oder zu weit außerhalb liegen. Vorerst bleibt dem gebeutelten Museumschef nur ein Trost: Im rot-roten Koalitionsvertrag ist festgeschrieben, dass die Galerie schnellstmöglich eine Bleibe bekommen soll. Damit ist zumindest die Angst im Keim erstickt, man könne sich angesichts der desaströsen Finanzlage der Empfehlung des Anfang der neunziger Jahre erstellten Kunstgutachtens erinnern und die in 25 Jahren zusammengetragene Sammlung etwa auf Nationalgalerie und Berlin-Museum verteilen.

Wie abwegig solche Gedanken sind, zeigen auch die "Paarungen", die eine fünfteilige Ausstellungsreihe eröffnen. Nachdem die Berlinische Galerie mit ihren Schätzen in den vergangenen Jahren in europäischen Metropolen und westdeutschen Städten wie etwa im Josef-Albers-Museum in Bottrop (noch bis 31. März) gastierte, bringt sie sich endlich auch in ihrer Heimatstadt wieder in Erinnerung. Manche Neu-Berliner werden sie damit überhaupt erst zur Kenntnis nehmen. Für sie mögen die koketten Kombinationen ein wenig verwirrend erscheinen, denn das Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur hat nicht nur die zeitliche Zusammengehörigkeit der einzelnen Künstler mit Bedacht ignoriert, sondern auch die Disziplinen bunt gemischt. Was in anderen Museen als frische Brise zur Durchlüftung chronologisch gehängter Sammlungen dient, wird hier auf kleinem Raum zum mitreißenden Wirbelsturm.

Revuegirls, Models, Invaliden

Hauptschauplatz ist Berlin. Im Lichterglanz der Laternen reflektieren die 1990 entstandenen, nächtlichen Fotografien von André Kirchner eine 100 Jahre zuvor gemalte Straßenszene von Lesser Ury. Mit spitzer Feder porträtierte George Grosz 1919 / 20 Passanten vor Ruinen-Kulisse, während Arno Fischer 40 Jahre später auf dem Tauentzien einen Mundharmonika spielenden Invaliden fotografierte. Auch die Berlinerinnen haben nichts von ihrem Reiz verloren, seit sie kess für Jeanne Mammen 1928 / 29 als Revuegirls posierten: Ein halbes Jahrhundert später stehen sie Helmut Newton für einen Ledermantel Modell.

Ein wenig formalistisch mag die Verbindung zwischen dem "Synthetischen Musiker" des Kubisten Iwan Punis und der patchworkartigen Klangskulptur von Ulrich Eller erscheinen; zu offensichtlich die Nähe zwischen einer Fünfecksäule Hans Uhlmanns und der eine Generation später geschaffenen Lichtstele von Volkhard Kempter. Dennoch haben die unorthodoxen kunsthistorischen Kreuzungen ihren Reiz, verschiebt sich doch das Verhältnis zwischen Alt und Neu: Gestern noch als Innovation gepriesen, wird heute offensichtlich, wie sehr manch neue Arbeit ihren Vorgängern ähnelt.

Ein Pingpong durch die Vergangenheit - und zugleich eine Ausstellung, mit der die Berlinische Galerie auf neue Präsentationsformen und damit auf Zukunft setzt. Sie will, ja sie muss dabei sein, wenn in Berlin über Kunst geredet wird. Ein Anfang ist gemacht, indem wenigstens Teile ihrer Sammlung in der Hauptstadt wieder zu sehen sind.

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