Kultur : Tanz auf der Kreuzung

Wie politisch ist elektronische Musik? Die „Transmediale“ sucht im Club Maria nach den Klangspuren der Globalisierung

Volker Lüke

Nach dem neu initiierten „Transonic"-Festival im Haus der Kulturen der Welt greift nun auch der „Club Transmediale", das unabhängige Musikprogramm des Medienkunstfestivals, das Thema der Globalisierung auf. „Play Global" lautete das Motto, das neun Nächte lang neue Formen elektronischer Musik im Sound- und Clubkontext der Maria präsentiert und einen guten Einblick in unzählige Projekte von Leuten bietet, die sich eine neutönende Musik jenseits von Hitparaden oder kurzlebigen Moden erarbeiten.

Der Durchgangslager-Charme des Clubs ist ein idealer Austragungsort des „globalen Spiels": Die Halle ausgestattet mit Videoinstallationen und interessanten Aufbauten wie einer Spaßkabine („Time To Bone"), in der man sich für 20 Cent technoide Animations-Pornos anschauen kann oder einem „Genre-Generator", an dem sich per Knopfdruck so absurde Musikstile wie „Dirty Jodel Electronica" zusammenwürfeln lassen.

Trotz der politischen Schwere des Themas steht Spaß auch bei der Eröffnungsparty im Vordergrund. Thomas Brinkmann donnert seine Beatprogramme im 4/4-Takt, aufgeladen mit Samples von alten Stax-Soul- oder Kraftwerk-Platten, in den Saal. Superfunky. Gleiches gilt auch für T. Raumschmiere a.k.a. Marco Haas, dem Shooting-Star der letzten Saison, der eine wilde Rocker-Show liefert und mit oberfetten Headbanging-Grooves aus der Unterwelt einheizt.

An den Folgetagen zeigt sich, wie vielfältig die Szene sich nach dem Techno-Hype entwickelt. Sound verzerrt, hallt wider, bricht, um vorgefasste Meinungen zu zersplittern – die innige Liebe zum Geräusch vereint alle Künstler. Dass die Gratwanderung zwischen der Verehrung klassischer Elektro-Modelle und der Realisierung eigener Soundvorstellungen nicht immer ohne Peinlichkeit abläuft, belegt ausgerechnet Pole a.k.a. Stefan Betke, der nach seinen abstrakten Minimal-Dub-Übungen die Melodica ausgepackt hat und nun auf den Spuren des Reggae-Helden Augustus Pablo zu wandeln versucht.

Etwas anderes sind dagegen die knarzige Heavy-Dub-Elektronika von Rechenzentrum oder Jan Jelineks freischwebende, auf dem Fundament des Jazz und Soul gebauten Klanggebilde, die so meisterhaft abgestimmt sind, mit einer fast beunruhigenden Exaktheit, die jedes Detail an Schärfe gewinnen lässt. Oder das österreichische Improvisations-Trio Radian, das sich vorsichtig an die Grenzen des Machbaren herantastet und dabei den Übergang zwischen traditioneller Rockmusik und synthetischer Abstraktion zu formen weiß wie derzeit kaum eine andere Formation.

Dazwischen der Versuch einer Diskussion über die Allianz von politischer Praxis und elektronischer Musik, die bereits an der Frage scheitert, ob die Anordnung von Tönen auch außerhalb von Texten politische Aussagen treffen kann. Natürlich nicht. Dass es aber auch interessante Ansätze gibt, zeigt die anschließende Performance der amerikanischen Audio-Aktivisten Ultra-Red zusammen mit Mitgliedern des „Kanak Attak"- Netzwerks aus Berlin, deren Statements zum Thema Migration und Selbstorganisation mit elektronischen Klängen angereichert werden: störende Unterbrechungen, um der Kontrolle zu entgehen, akustische Signale als Ausrufezeichen, die kickende Bassdrum als Soundtrack zum Widerstand. Im Podewil ist außerdem die Sound-Installation „N 30" zu sehen, für die Ultra-Red das Material von Anti-WTO-Protesten 1999 in Seattle verwendet haben. Damals wurden die Anlagen von lokalen Clubs auf die Straße geschleppt, um Verkehrsknotenpunkte in Tanzflächen zu verwandeln.

Beim finnischen Duo Pan Sonic rückt dann wieder die genaue Betrachtung des Klangs ins Zentrum: das Knistern, die Frequenzüberlagerung, das Rauschen. Dabei kommen besonders Geräusche zum Tragen, die beim Hörer physische Reaktionen provozieren: pfeifende Sinustöne und bollernde Frequenzen, die geballte Kraft in die Nähe von Grenzwerten dirigiert, visuell umgesetzt durch eine Videoprojektion, die die losgelassenen Töne als entsprechende Messgrafik umsetzt und so den Eindruck vermittelt, man habe an einem wissenschaftlichen Experiment teil, das musikalische Macht ergründen will.

Danach ist man nicht mehr in der gleichen Welt wie vorher. Aber das merkt man erst später, wenn man früh morgens in der Club-Lounge die Neon-Leuchtschrift über dem Tresen als Botschaft wahrnimmt: „Time Stops Here And Space Takes Over".

„Club Transmediale“: noch bis 8.2. , Maria.

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