Tanz-Biennale in Venedig : Die Verzückung der Pythia

Schwarze Frauen, weiße Laken – und ein Schuhplattler der anderen Art: Impressionen von der Tanz-Biennale in Venedig.

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Wir machen unsere Blasmusik selbst. Szene aus "Folk-s" von Alessandro Sciarroni, einem der Publikumslieblinge in Venedig.
Wir machen unsere Blasmusik selbst. Szene aus "Folk-s" von Alessandro Sciarroni, einem der Publikumslieblinge in Venedig.Foto: Andrea Macchia

Der Campo Sant’Agnese liegt unweit der Accademia, einem touristischen Hotspot in Venedig. Die zehn Frauen und Männer in weißen Flattergewändern, die den Platz betreten, muten ein bisschen wie eine Sekte an oder wie eine Yoga- Gruppe. Es sind die Tänzer der Compagnie Marie Chouinard, die hier eine Outdoor-Version ihrer Performance „In Museum“ zeigen und den intimen Austausch mit Zuschauern und Passanten suchen.

Carole Prieur steht mit ausgebreiteten Armen da wie eine Hohepriesterin – offen, die Hoffnungen und Herzenwünsche der Betrachter in sich aufzunehmen und ihnen durch den Tanz Gestalt zu geben. Es sind fast nur Frauen, die ihr Inneres preisgeben. Prieurs Bewegungen haben etwas Kultisch-Weihevolles. Anscheinend sieht sie sich als Nachfahrin der antiken Pythia, als tanzendes Orakel. Am Ende ihrer Prophetien sinkt sie wie ohnmächtig zu Boden. Auch die anderen Tänzer steigern sich in eine Art Trance und stoßen schon mal wilde Schreie oder Laute der Verzückung aus. Das schrammt manchmal haarscharf am religiösen Kitschbild vorbei. Doch meist verströmen die Tänzer eine freundliche Spät- Hippie-Spiritualität.

Die kanadische Choreografin Marie Chouinard, die zu den Großen des zeitgenössischen Tanzes gehört, leitet in den nächsten vier Jahren die Tanz-Biennale in Venedig. Da sie erst im Januar mit dem Programmieren begann, hat sie für ihre erste Ausgabe hauptsächlich auf Bekanntes zurückgegriffen. So dominierten in diesem Jahr die kanadischen Choreografen in Venedig. Es wurden zudem keine Novitäten gezeigt, sondern Arbeiten, die schon seit Jahren international touren. Einen Einblick in das aktuelle Tanzschaffen gab die 11. Ausgabe der Tanz-Biennale also nicht.

Stampfen bis kurz vorm Umfallen

Mit Dana Michel wird eine Kanadierin mit karibischen Wurzeln mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Sie ist eine neue starke Stimme in der internationalen Tanzszene, aber stark von der Performance-Kunst beeinflusst. Ihr autobiografisch inspiriertes Solo „Yellow Towel“, in dem sie afroamerikanischen Klischees zu Leibe rückt, war schon 2014 beim Tanz im August in Berlin zu sehen. In Venedig zeigt sie auch eine Performance auf dem Campo Sant’Agnese. „Stahvin Mahvin“ ist kurz und hart und mutet wie eine Antithese zu der spirituellen Ekstase der Chouinard-Tänzer an. Dana Michel trägt eine schwere Lederjacke über dem nackten Oberkörper und rollt übers Pflaster. Auf dem Tanzboden bleibt sie neben zwei leeren Getränkedosen liegen wie ein weggeworfener Gegenstand. Dann wickelt sie sich in einen weißen Bettbezug und robbt mühsam vorwärts wie gegen einen unsichtbaren Widerstand. Am Ende verhüllt sie sich ganz mit dem weißen Laken und bringt sich als schwarze Frau zum Verschwinden.

Alessandro Sciarroni, Grenzgänger der italienischen Tanzszene, hat sich auch international einen Namen gemacht. Drei Arbeiten von ihm standen auf dem Programm. In seinem Erfolgsstück „Folk-s“ befreit er den Schuhplattler von allem Folklorekitsch. Er legt die Wiederholungsmuster des bayrisch-tiroler Volkstanzes frei und organisiert ihn auf unterschiedliche Weise im Raum. Auf Blasmusik wird verzichtet, die Tänzer erzeugen die Rhythmen allein mit ihren Körpern, tanzen aber auch schon mal zu zarten Klängen oder einer Disconummer. „Folk-s“ ist eine Performance mit offenem Ende. Die sechs Tänzer stampfen und klatschen bis kurz vorm Umfallen. Einer nach dem anderen verlässt erschöpft die Bühne bei diesem Marathon. Doch sie schaffen es, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Am Ende werden sie vom Publikum begeistert gefeiert. „Folk-s“ ist bei aller konzeptuellen Strenge eine Tanzperformance, die gute Laune macht.

Verführung schlägt in Aggression um

Lisbeth Gruwez hat für ihr Solo „It’s going to get worse and worse and worse, my friend“ die Gesten von Politikern studiert, von Mussolini bis Obama. Zu Fragmenten aus einer Rede des ultrakonservativen amerikanischen Predigers Jimmy Swaggart tanzt sie sich mehr und mehr in Rage und zeigt, wie Verführung in Aggression umschlägt.

Die stärkste Performance aber war in den Giardini zu sehen. Anne Imhofs „Faust“ im Deutschen Pavillon ist immer noch ein Publikumsmagnet, doch mit Glück muss man nicht mehr stundenlang auf Einlass warten. Die androgynen Performer, die meist unter dickem Panzerglas agieren, haben ungeheure physische Präsenz. Es ist vor allem ihre Haltung aus Teilnahmslosigkeit und antrainierter Härte, die verstört.

Die „Faust“-Performance ist noch bis zum 26. November täglich in einer gekürzten Fassung zu sehen. Die vierstündige Langfassung wird vom 3.–6. Oktober und vom 23.–26. November gezeigt.

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