Kultur : Tanz den Wilhelm Meister

Wie man Literatur ausstellen kann: ein Experiment im Frankfurter Goethehaus

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Wie oft beugen heute noch Besucher von Literaturausstellungen ihr Haupt in Demut vor Vitrinen, aus denen es einem mehr oder weniger auratisch entgegendampft. Die symbolische Verneigung vor großen Dichtern, die, hinter Glas eingelegt, aus Originalmanuskripten, Lebenszeugnissen und Devotionalien lebendig werden sollen, ist eine Urform der Verehrung. An die Stelle der zwanghaften Unterwerfungsgeste, wie sie die ersten Literaturausstellungen forderten, die ab etwa 1870 im Frankfurter Goethehaus stattfanden, ist zumindest in Institutionen wie dem Marbacher Literaturmuseum der Moderne aber ein bewusstes Konzept getreten, das sich nicht im Namen einer mindestens so zwanghaften Mediendidaktik lächerlich zu machen braucht. Wo es aber um das Imaginäre geht, das bedeutende Texte entstehen lassen, ist auch die beste Vitrinenausstellung überfordert. „Wie stellt man Literatur aus?“, fragt deshalb eine kleine Schau im Frankfurter Goethehaus (noch bis 1. November) und präsentiert „Sieben Positionen zu Goethes Wilhelm Meister“.

Goethe und sein Bildungsroman sind dabei nur das Objekt einer Inszenierung von Kuratoren, Künstlern und Kulturwissenschaftlern, das als Reflexion über die Darstellbarkeit von Gedankenräumen auch anderen großen Texten hätte gelten können. Der „Wilhelm Meister“ jedoch ist eine besondere Herausforderung, weil er selbst stark reflektierende Passagen über die Idee des Künstlertums enthält: Er ist Roman und Metaroman zugleich. Man wird ihn hinterher allerdings nicht besser verstanden haben. Didaktik war das Letzte, was die beteiligten Künstler im Sinn hatten. Es ging um Konzepte. Man muss aber nur über Heike Gfereis’ und Diethard Kepplers langen schwarzen Teppich schreiten, auf den die Passage über Mignons Eiertanz gedruckt ist, und man ahnt, wie sich „SatzBauKunst“ sinnlich erfahrbar machen lässt. Jedes Satzzeichen, das Goethe ganz nach den Regeln eines intuitiv erspürten Rhythmus setzte, wird von einem erleuchteten Ei markiert – Stolpersteine im Verlauf einer Lektüre, die man selbst nachtanzen kann.

Man kann sich mit Olivia Varwig, Petra Eichler und Susanne Kessler in die Speisekammer begeben, die der junge Wilhelm Meister im fünften Kapitel des ersten Buchs betritt und sie im Goethehaus, schemenhaft illuminiert und von einer Geruchsdesignerin mit einer leichten Räuchernote versehen, wiederfinden. Ganz ins Abstrakte führt Rose Epples und Detlef Weitz’ Anatomisierung des gedruckten Meister’schen Buchkörpers. In einer wunderbaren Installation haben die beiden vom Satzspiegel über die Rückenansicht bis zur Schrift jedes einzelne Element inventarisiert und seinen Wandel durch die Zeiten in großformatigen Bänden dokumentiert. Davon könnte sich die Buchmesse, die jedes Jahr aufs Neue die Literatur ihres Gastlandes ausstellt, inspirieren lassen. Gregor Dotzauer

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