Kultur : Tanz der Äste

Der US-Maler Brice Marden macht im Hamburger Bahnhof Station

Daniel Völzke

Am besten, man legt beiseite, was man über Malerei weiß. Natürlich, es geht um Licht. Um Farbe, Fläche, Format, um Linie, Rhythmus und Proportion. Es geht um die Malerei selbst in diesen Bildern. Aber es geht auch um den Versuch, genau das wieder zu vergessen. Die Fragen, die der Blick auf die Arbeiten aufwirbelt, sollen sich wieder setzen. Abstraktion sei der Versuch, so sagte Brice Marden einmal, „von der Literatur wegzukommen und zur Dichtung zu gelangen“.

Diesen Weg von der Reflektion über die Möglichkeiten der Malerei zu einem dichterisch freien Ausdruck, den der amerikanische Maler Marden ging, kann man nun in der ersten europäischen Retrospektive im Hamburger Bahnhof abschreiten. Mit Unterstützung der Freunde der Neuen Nationalgalerie ist die Werkschau des New Yorker MoMA in entschlackter Form hier angekommen. In Amerika gilt der 1938 geborene Künstler längst als ganz Großer, als Erbe Barnett Newmans, Mark Rothkos, Jackson Pollocks. In Europa war er trotz Documenta-Teilnahme in den Siebzigern bislang nur in wenigen Einzelpräsentationen zu sehen.

Der Weg durch die vielen Kabinette der Kleihues-Halle (die Sammlung Marx ist auf Tour) führt im Zickzack vorbei an 60 Bildern. Die chronologische Hängung erlaubt, Entwicklungen abzulesen, Umkehrpunkte, Befreiungsschläge. Es geht von den monochromen Farbfeldern der Sechziger und Siebziger zu den aufgebrochenen, vielfarbigen Schlingkompositionen, von der Fläche zum Geflecht also, mit dem Marden eine eigene Bildsprache gefunden hat.

Die neuesten Bilder im letzten Raum wirken wie ein endgültiges Aufatmen der Farben und Formen. Wie bei früheren Studien sind diese Arbeiten der Serie „Der Glück verheißende Garten des flachen Bildes“ wieder aus Tafeln zusammengesetzt. Doch das Gewirk der farbenfrohen Linien läuft auf dem ersten Blick von Tafel zu Tafel, so kraftvoll wuchert es. Hier lodert endlich das Feuer des Abstrakten Expressionismus, für den Marden sich interessiert, als er Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre Kunst studiert. Er beschäftigt sich mit der Farbenlehre Josef Albers und versteht sie nicht, wie er zugibt; er begeistert sich für französische und spanische Malerei und Jasper Johns. Marden beginnt monochrome Bilder zu malen – und ärgerte sich darüber, dass die Oberfläche glänzt: „Man macht ein Gemälde, das die Leute nicht sehen können.“

Der Künstler mischt also Bienenwachs in seine Ölfarben und trägt sie im heißen Zustand mit einem Spachtel Schicht um Schicht auf. Die samtenen Oberflächen scheinen das Licht zu schlucken, es in Unantastbarkeit zu versiegeln. Marden verwendet gedämpfte Erdfarben, Schwarz, Grau und mit der jeweiligen Komplementärfarbe gemischtes Gelb, Rot, Blau. Es sind Farben, die er bei Goya und Velázques gesehen hat. Bald schon setzt der junge Maler mehrere Tafeln zusammen zu Diptychen, Triptychen und Polyptychen. Neue strukturelle Spannungen ergeben sich, Bezüge zum Raum. Es ist die Hochzeit der Minimal Art in den USA, die Künstler streben nach schematischer Klarheit und versuchen, das Künstler-Ich aus der Kunst zu entfernen.

Auch Mardens Arbeiten wirken entpersonalisiert. Erst beim näheren Hinsehen erkennt man Spachtelspuren, Pinselhaare. An der Unterkante der Bilder lässt er oft einen schmalen Streifen unbehandelten Malgrund zurück, auf dem Tropfen vom Arbeitsprozess erzählen. Eine Andeutung von Horizont, eine beiläufige Referenz an historische Konstruktionen von Raumillusion. Die Bildtitel geben Hinweise darauf, welche Erfahrungen in den Farbfeldern eingeschlossen sind. Mardens erstes Wachs-Ölbild „Nebraska“ (1966), eine Leinwand wie aus stumpfem, anoxidiertem Kupfer, erzählt vom Licht dieses Bundesstaates.

Es sind denn auch neue kulturelle Einflüsse, die zu einer ästhetischen Wende führen. Marden beschäftigt sich in den Achtzigern mit Kalligrafie und asiatischer Dichtung. In der „Cold Mountain“-Serie scheint der Betrachter einem zweiten Maler zu begegnen: Die undurchdringlichen Flächen haben sich aufgelöst, Linien und Bildzeichen evozieren Bewegung. Die ersten dieser gestischen Bilder, bei denen Marden häufig mit Ästen malt, wirken noch ungelenk und spröde. Doch schon bald lockern sich die Formen auf. Es ist kein Kampf mit der Leinwand, dem man hier beiwohnt, sondern die verschiedenfarbigen Linien organisieren sich gleichmäßig im Bildraum, sie stoßen an die Ränder und lassen sich davon ablenken. Sehr harmonisch, tänzerisch und ausbalanciert sieht das aus; die Spannungen der Farbfelder bauen sich hier nicht mehr auf. Verfolgt man die einzelnen Adern, stößt man auf Kreuzungen, Querverbindungen, Kreisläufe – kaum auf Sackgassen. Welche künstlerischen Wege Brice Marden wohl nach diesen Arbeiten einschlägt?

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, bis 7. Oktober; Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa 11 – 20 Uhr, So 11 – 18 Uhr. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 45 €.

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