Kultur : Tanz der Figuren

ECKART SCHWINGER

Verdächtig nahe auf einen Saison-Höhepunkt zu bewegte sich das begeisternde Konzert der St.Petersburger Philharmoniker im Hause ihrer Berliner Kollegen.Es war schon ein Genuß, zu hören und zu sehen, wie Yuri Temirkanov, der Mravinsky-Nachfolger, mit Charme und Esprit sein Riesenorchester zu zauberhaften Aktionen förmlich verführte.Der Taktstock ist ihm dabei im Wege, alles modelliert er aufs feinste nur mit den Händen und treibt dabei genüßlich einen Kult mit der Nuance und die Pointen auf die Spitze.Als sich Temirkanov in den 6Oer Jahren bei der Dresdner Staatskapelle vorstellte, wirkte er beinahe wie ein dirigierender Gérard Philipe.Diese elegante, verschmitzte und ungemein kultivierte Art hat er sich bis zum heutigen Tag erhalten.

Die St.Petersburger Philharmoniker, die einst auch Kurt Sanderling dirigierte, sind ein Perfektionsorchester von enorm sonorer Ausdrucksstärke - in den Bläsern ebenso wie im klangmächtigen, absolut homogenen Streicherheer.Temirkanov, der hintersinnig-heitere Klangjongleur, verheizt allerdings nie sinnlos die Energien seines Orchesters.Er setzte sogleich bei Rimski-Korsakows Suite aus der Oper "Der goldene Hahn" weit weniger auf sarkastisch geißelnde Klangschärfe als auf ironische Glanzlichter, auf verführerische Wirkungen von Licht und Schatten.Und so tanzten die magischen Figuren orientalischer Herkunft aus Rimskis kauziger Oper "Der goldene Hahn" (Strawinskys musikalisches Modell für den "Feuervogel") mit großer Raffinesse und geistreichem Spielwitz über die Bühne der Philharmonie.Zum Schluß war der fabelhaft musizierte "Petruschka" von Strawinsky weit mehr als nur ein brillanter Kehraus, nämlich ein kleines groteskes Drama mit äußerst pikanten klanglichen Zuspitzungen.Da fielen ein aggressiv geschärfter Gestus auf, ein unerhört weites Klangpanorama, rapide Bilderwechsel und Steigerungen sowie prächtige Leistungen seitens der überragenden Soloflötistin wie des kraftstrotzenden Solotrompeters.Der Petersburger Karneval mit dem bravourös losprasselnden Getöse, den schrägen Gassenhauern, überhaupt mit der ganzen genialen Ziehharmonikamusik kam in elektrisierender Schwungkraft herüber.

Beim a-moll-Cellokonzert von Saint-Saëns ließ David Geringas nicht nur durch einen Trend zu tiefsinniger Betrachtung in den lyrischen Partien und erhabene Kantabilität aufhorchen, er entfachte auch ein feuriges Spiel und beeindruckte mit deklamatorischer Leidenschaft.Vor allem aber zog er die Berliner in den Bann mit einer Zugabe des lettischen Komponisten Peteris Vasks (geb.1946): ein wie mit Geisterhand hingehauchtes und zugleich mit verfremdeter Stimme gesungenes Cello-Solostück im Stil einer Minimal Music.Selbst danach einhelliger Jubel.

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