Kultur : Tanz der Lichtflecken

Einladung zum Pfingstspaziergang: Die Liebermann-Villa am Wannsee zeigt Birkenbilder

Bernhard Schulz

Max Liebermanns Garten ist zu einem Lieblingsort Berlins geworden, ebenso wie die von ihm umschlossene Villa am Großen Wannsee. Es ist ein „Gedächtnisort“. Einer jener Orte, in denen sich – mit den Worten des französischen Historikers Pierre Nora – „das Gedächtnis der Nation in besonderem Maße kondensiert, verkörpert oder kristallisiert hat“. Dabei ist unerheblich, dass Liebermanns Garten ein privater, neben dem Eigentümer und seiner Frau Martha nur durch ausgewählte Besucher betretener Ort war. Denn in Haus und Garten verdichtet sich und ist bis heute – oder, besser gesagt: heute wieder – anschaulich, was einmal das Großbürgertum war, jene schmale Schicht ebenso wohlhabender wie gebildeter und kunstsinniger Zeitgenossen, denen sich Berlins Rang und Ruf vom 19. Jahrhundert bis zum Einbruch der Nazi-Herrschaft verdankt.

Mit dem Frühling, der gerade dabei ist, in den Sommer überzugehen, wird Liebermanns Garten erneut ein gesuchtes Ausflugsziel. Das Raffinement der Einfachheit, das Liebermann in der neoklassischen Architektur des Hauses ebenso bevorzugte wie in der maßvollen Gestaltung des Gartens, lässt eine arkadische Einheit von Natur und Kultur wiedererstehen. Liebermann hat sie genau so gemalt; als eine natürliche Welt, die ihren Reiz durch die behutsamen Eingriffe des Menschen erhält. Der Birkenweg, der an der südlichen Längsseite des überraschend schmalen Grundstücks von der Villa zum Wasser hinunterführt, zeigt das beispielhaft. Denn die Birken stehen unregelmäßig, während der helle Kiesweg, ihrer nicht achtend, hindurchgezogen ist. Ein Prinzip, das übrigens auch bei den jüngsten Rekonstruktionsarbeiten im Tiergarten angewendet wurde.

Diesen Birkenweg hat der Maler, wie alle Teile seines Gartens, immer wieder festgehalten. In der Liebermann-Villa ist diesem Motiv eine kleine, erlesene Ausstellung gewidmet, mit nur sechs Gemälden und ebenso vielen Grafiken, dazu jedoch Werken anderer Künstler der Zeit. Es erstaunt, dass Liebermanns Formate in chronologischer Reihenfolge kleiner werden, bis hin zu dem kleinsten und bekanntesten der ausgestellten Werke, dem „Wannseegarten nach Westen“ von 1926 aus der Neuen Nationalgalerie. Da hat Liebermann die halb verdeckte Fassade der Villa in den Fluchtpunkt gesetzt, leicht unterhalb des Mittelpunktes der Leinwand, und so einen vertikal niederfallenden Streifen Himmel über dem Dach eingefangen. Die Birken zur Linken, also im Süden des Gartens, sind kräftig gewachsen, vergleicht man sie mit den Bildern aus der Zeit gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als Liebermann erstmals diesen Gartenweg malte. Bald entstanden Auftragsarbeiten, wie die hier gezeigte zweite Version des Birkenwegs von 1918, in der das Spiel der Lichtflecken zwischen den noch schmächtigen Birkenstämmen die Hauptrolle spielt.

Die aufgrund der schlechten Versorgungslage bei Kriegsende eingerichteten Gemüsebeete notiert Liebermann beiläufig. Man muss genau hinschauen, um die Bäuerin im Kohlfeld zu erkennen. Wieder sind es die Lichtflecken, die das Auge des Malers fesseln; im Gemälde von 1919 pastos aufgetragen, erinnern sie beinahe an Schneehaufen. Fünf Jahre später war das volle Laub der Bäume so dicht mit dem benachbarter Bäume verschmolzen, dass der „Birkenweg“ von 1924 geradewegs in grünes Dunkel führt.

Die jahrzehntelange Fehlnutzung von Haus und Garten durch einen Wassersportverein machte die vollständige Neuanlage des von Max Liebermann in enger Abstimmung mit dem Freund und Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, entworfenen Gartens notwendig. Erst in der dritten Saison ist der Garten wieder, was er zu Lebzeiten des Malers war. Die 45 neu gepflanzten Birken sind noch schlank wie auf den ersten Darstellungen. Liebermann nahm die Birke als einheimischen Baum, ohne etwas auf den symbolischen Gehalt zu geben, der der Reformzeit um 1900 wichtig war.

Der schmale, aber höchst sorgfältige Katalog zur Ausstellung weist auf alle diese Aspekte hin; verdienstvoll gewiss, aber doch nur die Selbstverständlichkeit unterstreichend, mit der Liebermann sah und das, was er sah, wiedergab. Bis zum Bühnenbild der Moskauer Uraufführung von Tschechows „Möwe“ reichen die Belegstücke, die im Katalog herangezogen werden, um der Birke einen würdigen Platz zu sichern. Eingesessene West-Berliner mögen ihre Erinnerungen bis zur legendären Schaubühnen-Inszenierung von Gorkis „Sommergästen“ 1974 schweifen lassen. Einerlei, denn alle fühlen sich in Liebermanns Garten zu Hause, als sei er nie verschwunden gewesen – ebenso wenig wie der Hausherr, der nur eben seine Bilder hat stehen lassen. Ein Erinnerungsort – an einen Zeitabschnitt, der zu den glücklicheren Berlins zählt.

Liebermann-Villa, Wannsee, Colomierstr. 3, bis 27. Juli, Mi-Mo 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Katalog 12 €.

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