Kultur : Tanz der Linien

Eine kleine Sensation: Vintage Prints von Moholy-Nagy in der Berliner Galerie Berinson

Christian Schröder

Man könnte die Szene für ein Sommeridyll halten. Zwei kleine Mädchen dösen auf einem Balkon, mit geschlossenen Augen in einem Zustand zwischen Träumen und Wachen versunken. Eines der Mädchen umklammert seinen Teddy, das andere hat einen Arm über den Kopf gelegt, um sich vor der Sonne zu schützen. So hat László Moholy-Nagy 1926 die Töchter seines Bauhaus-Kollegen Oskar Schlemmer in Ascona porträtiert, wo die Avantgarde der Weimarer Republik gerne ausspannte. Aber der Fotograf interessiert sich weniger für das versonnene Lächeln der Kinder als für den Schatten des Balkongitters, der ein strenges Rautenmuster über ihre Körper gelegt hat. Wo sich die Wirklichkeit in die Abstraktion auflöst, da begann für Moholy-Nagy die Kunst.

Die Balkonszene im gleißenden Licht des Tessins hat der Fotograf noch einmal variiert, diesmal mit dem Vater. Das Bild, auf dem sich Oskar Schlemmer in der Sonne aalt, gehört zu den Inkunabeln des Neuen Sehens, kürzlich war es in der New Yorker Neuen Galerie zu sehen, wo die Ausstellung „Portrait im Aufbruch“ Höhepunkte der deutschen Vorkriegsfotografie versammelte. Die Aufnahme von den Schlemmer-Töchtern hängt in der Berliner Galerie Berinson. Galerist Hendrik Berinson – übrigens auch Leihgeber des New Yorker Abzuges – ist es in jahrelanger Arbeit gelungen, fast zwanzig Vintage Prints von Moholy-Nagy aus den Zwanzigerjahren zusammenzutragen (Preise auf Anfrage). Es sind große Abzüge mindestens in DIN-A-3-Format, die der Neuerer eigens für eine Präsentation angefertigt haben muss. Einige von ihnen hingen in der epochalen Stuttgarter Werkbund-Ausstellung „Film und Foto“, die 1929 knapp einhundert Arbeiten von Moholy-Nagy präsentierte.

Die Zwanzigerjahre waren die Epoche eines rasenden Aufbruchs, auch in Moholy-Nagys Fotos ist alles in Bewegung. Der Ungar, der nach dem Sturz der Räterepublik von Budapest nach Berlin emigriert war und 1923 als Leiter der Metallwerkstatt an das Bauhaus in Weimar berufen wurde, blickte mit seiner Kamera immer wieder steil an Fassaden herauf oder von Türmen herunter. Mit stürzenden Linien den Aufbau eines Bildes zu dynamisieren, das war ein Kunstgriff, den er von den Konstruktivisten der sowjetischen Revolutionsfotografie wie Alexander Rodtschenko gelernt hatte. Selbst die Vogelperspektivaufnahme eines Segelschiffs, das auf dem Wannsee ein Ruderboot in Schlepptau genommen hat, wird durch die V-förmigen Wellen am Heck zu einer Feier von Geschwindigkeit und Fortschritt. Der überzeugte Kommunist war im Wortsinne ein Umstürzler, er brachte in seinen Bildern die Waagerechten und Senkrechten zum Tanzen.

Die Lust am Experiment musste Moholy-Nagy geradezu zwangsläufig zum Fotogramm führen, der radikalsten Form der Fotografie. Er legte Ringe, Spiralen, ausgeschnittene Kartons, auch einmal das Reiseandenken eines Miniatur-Eiffelturms auf Fotopapier und belichtete sie direkt. So entstanden rätselhafte Schwarz-Weiß-Bildwelten mit erstaunlich malerisch anmutenden Kontrastabstufungen. Anders als Man Ray wollte Moholy-Nagy damit nicht in die Sphären des Unterbewussten vordringen, sondern eine radikale Gegenwelt erschaffen.

„Die Fotogramme“, erklärte er, „müssen aus ihren eigenen, primär verwendeten Mitteln – in ihrem Aufbau nichts anderes als sich selbst zeigend und bedeutend – geschaffen werden. Alle sekundären, imitativen Elemente, selbst Erinnerungen an sie sollen dabei ausgeschaltet werden.“ Wer will, kann im blasenförmigen Zentrum eines monumentalen, fast ein Meter hohen Fotogramms, das die Galerie Berinson zeigt, trotzdem die Spitze eines Zeppelins erkennen.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 9. Juli, Dienstag bis Sonnabend 12–18 Uhr.

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