Kultur : Tanz die Globalisierung!

Crossover: Akram Khan und Sidi L.Cherkaoui im Berliner Hebbel am Ufer

Sandra Luzina

Politisches Statement, Künstler-Dialog, existenzielle Grenzerfahrung – der Tanzabend „Zero Degrees“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Ereignis. Zunächst schlägt einen der Magnetismus der beiden Darsteller in Bann. Wenn Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui sich die Bühne teilen, entsteht ein intensives körperlich-seelisches Kraftfeld. Zwei exzellente Tänzer und Choreografen gehen hier eine Symbiose ein – und fordern einander heraus. Akram Khan, Brite bengalischer Abstammung, hat sich in London rasch einen Namen gemacht durch seine energiegeladene Neuinterpretation der indischen Tanztradition Kathak. Sidi Larbi Cherkaoui gehört dem berühmten belgischen Künstlerkollektiv „Les Balletts C. de la B.“ an, er wuchs als Sohn marokkanischer Einwanderer in Antwerpen auf.

Beide werden als charismatische Erneuerer gefeiert. Doch hier erlebt man nicht etwa die lässige Verbrüderung von zwei Künstlern, die aus islamischen Familien stammen. „Zero Degrees“ hatte am 8. Juli in London Premiere – einen Tag nach den verheerenden Bombenattentaten in der U-Bahn. Das verleiht dem Stück eine zusätzliche Brisanz. Khan und Cherkaoui stellen tänzerisch Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, unterlaufen ethnische und kulturelle Zuschreibungen.

Anfangs sitzen die beiden Tänzer im Schneidersitz an der Rampe und erzählen. In mehreren Etappen wird von einer Zugreise berichtet, die Khan von Bangladesch nach Indien führte. Erzählt wird die Geschichte gleichsam stereo, die Stimmen und Handgesten der Darsteller sind perfekt synchronisiert. Der Indien-Trip ist keine Reise zur Seligkeit. Er dreht sich um eine profane Erleuchtung. Der Reisende findet sich nicht nur an der Elends-Grenze wieder, sondern auch an der zwischen Leben und Tod. Große Fragen werden in intimem Rahmen verhandelt – die Live-Musik von Nitin Sawhney verbindet östliche und westliche Sounds zu einer suggestiven musikalischen Melange.

Der Tanz und sein Double: „Zero Degrees“ ist ein raffiniertes Spiel mit Doppelungen und Kontrasten. Antony Gormley hat lebensgroße Dummies der Performer geschaffen. Der Dialog wird so zum unheimlichen Quartett, wo das tanzende Subjekt auf das unbewegte Objekt trifft. Wird sein Body-Double manipuliert und malträtiert, dann krümmt sich der am Boden liegende Akram Khan vor Schmerz.

Das Stück verschränkt geschickt die Bedeutungsebenen und bietet brillanten Tanz. Zu bestaunen ist ein furioser Kampftanz mit exakt platzierten Attacken und hohen Beinkicks. Khan spinnt sich in einen Drehtanz von atemberaubender Geschwindigkeit. Ein hochenergetischer Tänzer, mit scharf akzentuierter Rhythmik und einem wunderbaren flow. Cherkaoui verbiegt sich wie eine Gummipuppe, balanciert auf Kopf oder Händen und verleiht dem Stück Momente von aberwitziger Komik – zwischen Extrem-Yoga und Freakshow. Wo Khan sich der symbolischen Gesten des indischen Tanzes versichert, überlässt sich Cherkaoui der puren Emotion. Zusammen loten sie die Möglichkeiten des tänzerischen Dialogs aufs wunderbarste aus. „Zero Degrees“ zeigt die beiden Meister des tänzerischen Crossover als politische und emotionale Grenzgänger.

Noch einmal im „Hebbel am Ufer 1“, Sa 5.11., 19.30 Uhr

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