Kultur : Tanz die Utopie

Labor der Humanität: Wiedereröffnung des legendären Festspielhauses Hellerau mit William Forsythe

Sandra Luzina

Hellerau leuchtet. Das Festspielhaus, das auf einem grünen Hügel im Norden Dresdens thront, strahlt in hellstem Sonnenlicht. Es illuminiert den Glanz eines Hauses, das nun nach fast zweijähriger Renovierung mit der Deutschlandpremiere von William Forsythes „Human Writes“-Performance wieder eröffnet wurde. Ein Kunstort wird so reanimiert, an dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts Theatergeschichte geschrieben wurde.

Forsythe, Choreograf von Weltruf, hat Hellerau neben dem Bockenheimer Depot in Frankfurt am Main zur zweiten festen Spielstätte seiner Company erkoren. Drei Monate im Jahr werden die Tänzer hier proben und neue Produktionen erarbeiten. Um nichts Geringeres als die Menschenrechte geht es in „Human Writes“– eine für das Festspielhaus wie maßgeschneiderte Eröffnungspremiere, denn die Geschichte des Orts steht für eine großartige Utopie – und deren Scheitern.

Vor dem strengen Portikus mit den vier Säulen des 1911 von Heinrich Tessenow erbauten Festspielhauses wird die Kühnheit des Entwurfs abermals deutlich: Die revolutionäre Architektur verband sich einst mit einer kühnen Vision. Der Schweizer Tanzpädagoge Emil Jacques-Dalcroze eröffnete hier seine „Bildungsanstalt für Rhythmus und Bewegung“, die zur Wiege des modernen Tanzes wurde. Sie verstand sich als „Labor der Humanität“, gesucht wurde nach dem „neuen Menschen“ und dem „befreiten Körper“. Hellerau, die erste deutsche Gartenstadt, erhielt mit dem Festspielhaus ein kulturelles Zentrum und wurde bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zum Treffpunkt der Avantgarde. Kafka kam hierher, Kokoschka, Rilke und Rachmaninow.

Das Yin-Yang-Zeichen der Lebensreformer wurde 1945 vom Sowjetstern verdrängt, die Sowjetarmee nutzte den Theatersaal als Lazarett und Turnhalle. Als sie 1992 abzog, war das Gebäude in einem katastrophalen Zustand. Bis die Künstler den militärischen Sperrbezirk für sich reklamierten, und die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau das ruinöse Ensemble vor den Vermögensverwaltern rettete. Elf Millionen Euro haben der Bund, der Freistaat Sachsen, die Stadt Dresden und zahlreiche Stiftungen bislang in die Sanierung und Neugestaltung des Festspielhauses investiert, das die Unesco in die Liste der 100 schützenswertesten Gebäude aufgenommen hat. Nun soll Hellerau Dresdens „Tor zur Weltkultur“ werden.

Die erste Bauphase ist abgeschlossen. An der Außenfassade bröckelt noch der Putz. Doch wer den vom Münchner Architekten Josef Meier-Scupin sensibel rekonstruierten großen Saal betritt, taucht ein in einen reinweißen Sakralraum aus Licht, in dem die Trennung von Bühne und Zuschauerraum aufgehoben ist. Einen „Ort ohne geistige Fluchtpunkte“ nennt Udo Zimmermann ihn. Das von dem Komponisten geleitete „Europäische Zentrum der Künste Hellerau“ hat seinen Sitz auf dem Festspielgelände, weitere Nutzer sind das Deutsche PEN-Zentrum und das Heinrich-Tessenow-Institut.

Für das „Human Writes“-Projekt hat sich William Forsythe mit dem Rechtsprofessor Kendall Thomas von der Columbia University in New York zusammengeschlossen. Beide verstehen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Appell: Jeder Einzelne und alle Organe der Gesellschaft sind aufgefordert, „durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern“. Anspielend auf den Gleichklang von „rights“ und „writes“ wird in Forsythes Choreografie das Einüben in die Rechtspraxis zur körperlichen Schreibpraxis.

Zunächst herrscht nüchterne Zeichensaal-Atmosphäre. 40 Tische sind in vier Reihen aufgestellt, die Tänzer beugen sich über weiße Blätter, auf die mit Bleistift einzelne Wörter aus den Artikeln skizziert sind. Der Urtext von 1948 ist an die Wand gepinnt. Mit Kohlestiften machen die Tänzer sich ans Werk, wobei sie an Regeln gebunden sind, die das Schreiben behindern, ja fast unmöglich machen. Sie gehen mit geschlossenen Augen ans Werk, mit gefesselten Händen, rückwärts verbogenen Armen, dem Mund. Jeder Strich ist erheblichen Widerständen abgetrotzt. Forsythe selbst hat sich Artikel 5 ausgewählt, das Verbot der Folter. Auf dem Rücken liegend, Stifte zwischen den Zehen und in den Händen, fragt er: Wo bin ich? „Gerade nach rechts, nicht kritzeln“, weist ihn die strenge Dame zu seiner Linken an.

Verstärkt werden die 14 Tänzer der Forsythe Company von Schülern der Palucca-Schule. Manche Aktionen wirken umständlich, doch es ist faszinierend zu sehen, wie die Tänzer ihren Körper in den Kampf werfen. Viele Zuschauer folgen dem Impuls, mitzuwirken. Meist nonverbal leiten sie die Darsteller an.

„Ein Dokument des Versagens“ nennt Forsythe seine Performance. Ihre volle Wirkung entfaltet sie erst durch ihre dreistündige Dauer. Die strenge Ordnung löst sich immer mehr auf, die kollektive Anstrengung hinterlässt Spuren, an den Körpern, auf dem Papier. Haut und Kleidung werden immer schwärzer, auch die Zuschauer scheuen nicht, sich die Hände schmutzig zu machen. Viele der Blätter sind bis zum Schluss nicht entzifferbar. Das verzweifelte Bemühen der Tänzer, das Ringen um jeden Buchstaben, färbt buchstäblich ab. William Forsythe konfrontiert uns mit einem angeschwärzten Ideal und formuliert zugleich die Hoffnung, dass Ideen anstecken können.

„Human Writes“, wieder heute und am 15. 9., 18.30 Uhr. Informationen unter www.festspielhaus-hellerau.com

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