Tanz-Festival "Colours" in Stuttgart : Körper unter Strom

Stuttgart strahlt: Die Landeshauptstadt bekommt mit „Colours“ ein aufregendes Festival für zeitgenössischen Tanz.

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Der Tänzer Jason Reilly vom Stuttgarter Ballett in "MONO LISA" von Itzik Galili. Foto: Wolfram Kastl / dpa
Der Tänzer Jason Reilly vom Stuttgarter Ballett in "MONO LISA" von Itzik Galili.Foto: Wolfram Kastl / dpa

Bei Stuttgart denkt man an Luxus-Autos – und an Tanz der Spitzenklasse. Nicht nur das weltberühmte Stuttgarter Ballett sorgt für Strahlkraft, auch Gauthier Dance, das junge Ensemble des Theaterhaus Stuttgart, das ganz dem zeitgenössischen Tanz verpflichtet ist, hat sich internationale Reputation ertanzt. Die Vorstellungen von Gauthier Dance sind regelmäßig ausverkauft. Vor drei Jahren kam Choreograf Eric Gauthier auf die Idee, ein internationales Tanzfestival aus der Taufe zu heben. Die Stuttgarter haben mehr Tanz verdient – vor allem auch andere Farben von Tanz. Aus diesen Überlegungen entstand die Idee zu „Colours“.

Nun ist Gauthier Everybody’s Darling in Stuttgart. Der Sunnyboy versteht es, Menschen für zeitgenössischen Tanz zu begeistern. Und schafft es auch, die Wirtschaftsbosse um den Finger zu wickeln. So ist es ihm gelungen, die Mercedes-Benz-Bank als Hauptsponsor ins Boot zu holen. Die VW-Autostadt in Wolfsburg mit ihren Movimentos-Festwochen bekommt also Konkurrenz. Das Festival „Colours“, das künftig alle zwei Jahre stattfinden soll, verfügt über ein Budget von rund 1,6 Mio. Euro – das sind Dimensionen, von denen man in Berlin nicht mal zu träumen wagt. Aber auch unter Rot-Grün boomt die Wirtschaft in Baden-Württemberg.

Schon das Aufgebot bei der Gala „Night of the Colours“ im Theaterhaus Stuttgart war beeindruckend. Wenn Gauthier anruft, treten selbstverständlich auch seine Freunde Alicia Amatriain und Jason Reilly vom Stuttgarter Ballett auf. Und auch den Kapitän des VfB Stuttgart, Christian Gentner, holt Gauthier auf die Bühne. In der Persiflage „Freistoß“ sieht man, wie er in Zeitlupe ein Tor gegen Dortmund schießt.

Die Tänzer Paxton Ricketts, Gregory Lau, Spencer Dickhaus und Madoka Kariya vom Netherlands Dans Theater 2 in "SAD CASE" bei der Gala "Night of the Colours". Foto: Wolfram Kastl / dpa
Die Tänzer Paxton Ricketts, Gregory Lau, Spencer Dickhaus und Madoka Kariya vom Netherlands Dans Theater 2 in "SAD CASE" bei der...Foto: Wolfram Kastl / dpa

Wenn Meskalin für die choreographische Partitur sorgt

Für die düsteren Schattierungen an diesem Abend sorgte die Compagnie Marie Chouinard aus Kanada. „Henri Michaux: Mouvements“ ist eine Hommage an den belgischen Maler-Dichter. Seine „Mouvements“ genannten Tuschezeichnungen von 1951, entstanden unter dem Einfluss der Droge Meskalin, liest Chouinard als choreografische Partitur. Die schwarzen Kleckse erinnern an bewegte Menschen, Insekten, Tiere oder amorphe Gebilde. Schwarz gekleidete Tänzer lassen die Pinselstriche lebendig werden. Sie sind furios, diese Kritzeleien mit dem Körper, die die menschliche Anatomie schon mal ad absurdum führen. Die Zeichnungen werden in schneller Abfolge auf eine Leinwand projiziert. Die Zuschauer können also verfolgen, wie jeder Performer die Figurationen für sich in Tanz übersetzt. Und auch Michaux’ 15-seitiges Gedicht mit seinen kühnen Sprachbildern und Körper-Metamorphosen sowie das Nachwort werden in Tanz umgesetzt. „Ich wurde ein völlig anderer“ – so schreibt Michaux über seine Drogenexperimente. Seine überbordenden Fantasien verwandelt Chouinard in elektrisierende Körperzeichen. Zu rohem Industrial Sound führt sie ein Bestiarium vor Augen. Eine vielgestaltige Groteske, die die Zuschauer in den Bann schlägt.

Um Marie Chouinard, die „wilde Frau aus Quebec“, zu erleben, muss man nicht unbedingt ins Ländle reisen. Ihre Compagnie, die ihr 25-jähriges Bestehen mit einer internationalen Tournee feiert, tritt auch beim „Tanz im August“ in Berlin auf. „Henri Michaux: Mouvements“ wird in Kombination mit der Choreografie „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ gezeigt, die bei „Colours“ ihre Uraufführung erlebte. Die Ästhetik der Verzerrungen und Deformationen hat sie hier weitergetrieben. Anfangs erlegt sie ihren Tänzern einen mühsamen Gang auf.

Der Fußballer, Christian Gentner (l) vom VfB Stuttgart und die Tänzer Juliano Nunes und Florian Lochner in "Freistoß" bei der Gala "Night of the Colours". Foto: Simon Wachter / Theaterhaus Stuttgart / dpa
Der Fußballer, Christian Gentner (l) vom VfB Stuttgart und die Tänzer Juliano Nunes und Florian Lochner in "Freistoß" bei der Gala...Foto: Simon Wachter / Theaterhaus Stuttgart / dpa

Die Tänzer hinken, humpeln und stolpern

Hingebungsvoll sieht man die Performer hinken, humpeln, schlurfen und stolpern. Als wollten sie demonstrieren, was für ein störungsanfälliges Wesen der Mensch ist. Dann sieht man zwei Frauen eng umschlungen auf einer rotierenden Scheibe sitzen. Die Nasen aneinandergepresst, schauen sie sich unverwandt in die Augen. Fast hat es den Anschein, als wolle Chouinard sich über die Yoga-Welle, das Versprechen sofortiger Erleuchtung lustig machen. Doch die Kanadierin hat schon immer menschliche Extreme ausgeleuchtet. Zustände der Verzückung und Verstörung fließen ineinander. Offenbar haben die Tänzer die Regungen geistig Behinderter studiert. Sie krampfen sich in spastischen Zuckungen, im Video sieht man in Nahaufnahme, wie ihre Gesichtszüge entgleisen. Eine Sekte, die sich in Besessenheit zu katapultieren scheint. 18 Minuten lang winden und krümmen sich die Tänzer in Zeitlupe. Ekstasen wie auf religiösen Gemälden. Eine Gratwanderung, die Chouinard unternimmt, doch ihre herben Tänzerinnen nehmen mit ihrer Anti-Virtuosität durchaus gefangen.

„Colours“ bietet eine reiche Palette an Farben bis hin zum leuchtenden Schwarz – und mit „Dance for Good“ hat es zudem eine originelle Charity-Aktion ins Leben gerufen. Für jeden Passanten, der sich sechs Sekunden in der Tanz-Box am Rotebühlplatz zu Musik bewegt, zahlt der Sponsor sechs Euro. Das Geld soll Tanzprojekte mit Jugendlichen und jungen Flüchtlingen unterstützen.

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