Kultur : Tanz für mich!

VOLKER STRAEBEL

Sterben mußte der junge und wohlgestaltete Prophet, weil er der schönen Prinzessin von Babylon den Kuß verwehrte.Erst am abgeschlagenen Haupt vermag Salomé ihr Verlangen zu stillen: "Ich habe deinen Mund geküßt, Jokanaan" schließt die Prinzessin triumphierend - man verwehrt ihr nicht ungestraft, wonach sie begehrt.Salomés letzter Satz gehört zu den zehn Sentenzen, auf die Lindy Annis die Dramenvorlage von Oscar Wilde für ihre "theatrical installation" eingedampft hat.Ein wenig holzschnittartig eilt die Performance-Künstlerin durch die Legende, verschweigt etwa die Skrupel des Herodes, den heiligen Mann töten zu lassen, und enthält uns Salomés Klage um den Tod des Begehrten vor: "Hättest du mich angesehen, Jokanaan, du hättest mich geliebt." Das Geheimnis der Liebe ist größer als das des Todes." Bei Annis folgt der Kuß sogleich auf das Fordern des Hauptes.

Doch die formale Anlage, die die Amerikanerin während ihres Aufenthaltes am Podewil als Artist in Residence entwickelte, zwingt zu solcher Verknappung.Jenes Stilmittel der Wiederholung, das Wilde einst von Maeterlinck übernommen hatte, aufgreifend, spricht Annis den Text wieder und wieder und wird nicht müde, wie der ungläubige Thomas den Finger in die Wunde zu legen.Siebenmal, der Zahl der Schleier gleich, durchleben wir in dem kleinen Studioraum das leiden-schaftliche Geschehen in verschiedenen Ausformungen.Eine langgestreckte Tafel dient Lindy Annis als Podium, dort steht sie ruhig zwischen vier Monitoren am Mikrophon und zaubert wechselnde, stets eindringliche Sprecherebenen hervor.Das Auskosten der Worte des Verlangens konfrontiert sie mit der scheinbar sachlich kühlen Schilderung des begehrten Leibes.Mit diesen Brüchen vermag sie ihr Publikum zu fesseln, zumal sie sich der präzis getimeten Video- und Diaprojektionen sicher sein kann.Rudie Ewals und Katrin Schoof schufen eindringliche Bilder - aus der Salomé-Ikonographie der Jahrhunderte, Verführungsszenen aus Filmen, Piktogrammen und Texten.

Der Berliner Komponist Frieder Butzmann schrieb dazu einen zurückhaltenden Soundtrack, der die Schönheit Salomés spielerisch preist mit leicht eingesetzten Kinderpfeifen, den Schleiertanz mit einem trommelnden Spielzeugmohr begleitet und schwülstige Barmusik ebenso gekonnt collagiert wie nächtliche Naturlaute, mit denen das Stück nach einer dreiviertel Stunde verklingt.Diese Musik drängt sich nicht in den Vordergrund, und so gelingt trotz der divergierenden Medien ein kohärenter und zeitgemäßer Blick auf die Legende - "Salomé, tanz für mich! Ich bin traurig heute nacht."

Podewil, 10.-13.12., jeweils 21 Uhr.

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