Tanz im August : Breakdancer im Bestiarium

Minimalismus und Gefühl: Bei Tanz im August werden Antony Hamilton & Alisdair Macindoe zum Tänzer-Zwilling und die Compagnie von Marie Chouinard tanzt zwischen Verzückung und Verstörung.

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Im Takt der Maschinen. Antony Hamilton & Alisdair Macindoe in „Meeting“. Foto: Gregory Lorenzutti
Im Takt der Maschinen. Antony Hamilton & Alisdair Macindoe in „Meeting“.Foto: Gregory Lorenzutti

Wie in einem verzauberten Spielzeugladen fühlt man sich gegen Ende der Performance „Meeting“, deren Europapremiere jetzt bei „Tanz im August“ zu sehen war. Und auch die beiden australischen Tänzer und Choreografen Antony Hamilton und Alisdair Macindoe wirken wie große Jungs, die kuriose Maschinchen in Stellung bringen – Klangobjekte, die mehr und mehr ein Eigenleben führen. Zu Beginn der Aufführung im HAU 3 bilden diese 64 computergesteuerten Automaten einen Kreis. Mit ihren Schlägeln klöppeln Hamilton und Macindoe zunächst einfache, dann immer komplexer werdende Rhythmen auf den Boden: Tanzroboter in der Testphase. Stehen in der Mitte der Klanginstallation, heben ganz mechanisch einen Arm, gehen in die Knie, kippen aus der vertikalen Achse. Ganz abgezirkelt wirken die minimalen Bewegungen, präzise getaktet.

Der grazile Alisdair Macindoe überragt zwar den kleinen, kompakten Hamilton, doch beide mutieren fast zum Tänzer-Zwilling. Anfangs bewegen sie sich meist symmetrisch und synchron, fest eingebunden in eine räumliche Ordnung. Greifen dann die Bewegungen immer mehr ineinander, erinnern sie schon mal an Fließbandarbeiter. Doch offensichtlich sind die Performer auch beeinflusst von den Techniken des Popping und Locking, die man aus dem Hip-Hop kennt. Allerdings sind dies Breakdancer, denen man scheinbar eine hohe Dosis Tranquilizer verabreicht hat. Unerbittlich geben die Maschinchen den Takt vor. Die Disziplinierung des Körpers ist immer spürbar, doch auch das Verlangen, sich größeren Freiraum zu verschaffen. Minimale Variationen treiben Hamilton und Macindoe bis an die Grenze der Monotonie. Eine Art Rationalisierungsmaßnahme, der die Tänzer unterworfen werden. Wenn sie dann auch noch den Takt zählen, scheint die Performance vollends in der Kälte der Mathematik aufzugehen. Doch auch wenn die Performer ganz in der abstrakten Sphäre der Logik gefangen scheinen, kippt der Abend doch noch ins Irrationale. Wenn die Tänzer Wörter zerlegen und verdrehen, hat das fast etwas Dadaistisches. Schließlich zwängen sie sich durch eine Lücke und entkommen dem magischen Klangkreis.

Schockierende Körperfantasien und Surrealismus

Die Maschinchen, „drum tapper“ genannt, werden aufgerüstet mit Metallrohren und neu im Raum platziert. Wie feindliche Armeen stehen sie sich nun gegenüber. Das anfängliche Klopfen und Ticken geht in seltsames Schnarren und Klingeln über. Ins Absurde mündet der Dialog Mensch-Maschine. Am Ende sind die Tänzer überflüssig und verlassen die Bühne. Während die unbelebten Klangobjekte auf wundersame Weise miteinander zu kommunizieren scheinen.

Wer auf Ekstase, auf rauschhafte Gefühlssteigerung aus ist, kommt beim „Tanz im August“ ebenfalls auf seine Kosten. Die Kanadierin Marie Chouinard wird als „Schamanin des zeitgenössischen Tanzes“ gefeiert. In ihren Performances schockt sie mit erotisch-animalischen Körperfantasien. Ihre Compagnie, die 2015 ihr 25-jähriges Bestehen feiert, besteht aus starken, eigenwilligen Individualisten. Zwei Arbeiten zeigte das formidable zehnköpfige Ensemble im Haus der Berliner Festspiele.

Der Höhepunkt des Abends ist eine Hommage an den belgischen Surrealisten Henri Michaux. Zwanzig Jahre stand dessen schmaler Band „Mouvements“ von 1951 in Chouinards Bücherschrank. Bis sie plötzlich eine Eingebung hatte und erkannte, dass sich die Tuschezeichnungen, die unter dem Einfluss der Droge Meskalin entstanden sind, als eine Partitur lesen lassen. Chouinard hatte schon immer eine starke Affinität zur bildenden Kunst, mit „Henri Michaux: Mouvements“ wird der Tanz nun vollends zur Choreo“grafie“. Wie die schwarz gekleideten Tänzer die Pinselstriche lebendig werden lassen, ist faszinierend.

Manifestationen der Energie

Zunächst betritt die Tänzerin Carol Prieur die Bühne und studiert den schwarzen Klecks auf der Leinwand. Es ist durchaus eine Menge an Fantasie nötig, um die Kalligrafien mit dem Körper nachzuzeichnen. Manche lassen sich als bewegte Menschen deuten, andere erinnern an Tiere und Insekten oder an amorphe Gebilde. In immer schnellerer Abfolge werden die Zeichnungen auf die Bühne projiziert. Die Zuschauer können genau verfolgen, wie jeder Performer die Figuren für sich in Tanz übersetzt. Tänzer, die zunächst mit einer gewissen Vorsicht ans Werk gingen, tauchen bald ein in fremde Sphären. Groteske Metamorphosen sind zu bestaunen: Fabelwesen mit merkwürdigen Proportionen huschen und springen über die Bühne, stoßen schon mal animalische Laute aus. Man fühlt sich an die krummen Beinchen eines Tausendfüßlers erinnert oder an Spermien. Chouinard lässt auch das 15-seitige Gedicht mit seinen kühnen Sprachbildern sowie das Nachwort vertanzen. Ich wurde ein völlig Anderer – so schreibt Henri Michaux über das Verfertigen der „Mouvements“. Das Zeichnen war für ihn nicht nur ein halluzinatorischer Trip, sondern auch eine intensive Form der Körpererfahrung. Die Entgrenzungsfantasien des Malers und Dichters verwandelt Chouinard zu Louis Duforts Elektro-Metal-Sound in elektrisierende Körperzeichen. Im Stroboskop-Licht verwandeln sich die Tänzer in pure Manifestationen von Energie. Marie Chouinard hat es schon immer gefallen, den Körper zu verformen und verfremden – mit Lust an der Übertreibung. Auch diesmal führt sie ein Bestiarium vor Augen. Die Kritzeleien mit dem Körper sind furios.

In „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ reduzierte sie die Choreografie zunächst auf das Allereinfachste: das Gehen. Nicht graziöses Schreiten wird vorgeführt. Die Performer hinken und humpeln, staksen und schlurfen. Abweichungen von der Körpernorm, die die Kanadierin ausstellt. Später fokussiert Chouinard sich auf die Gesichter der Tänzer. Durch die Kamerainstallation werden deren Physiognomien vergrößert und vervielfältigt. In den Regungen der Gesichter spiegeln sich gegensätzliche Emotionen. Verzückung und Verstörung fließen ineinander über. Und auch der Zuschauer hat am Ende das Gefühl, dass er extreme Gefühlszustände durchquert hat.

„Meeting“ noch einmal am 22. August um 21 Uhr im HAU 3

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