Tanz im August : Göre und Göttin

Von La Ribot zu Sasha Waltz: Beim Tanz im August dominierten in diesem Jahr die Frauen.

von
Actionpainting. La Ribot gestaltet in „Another Distinguée“ die Orgie farbig.
Actionpainting. La Ribot gestaltet in „Another Distinguée“ die Orgie farbig.Foto: Festival/Anne Maniglier

Stockdunkel ist die Bühne des Hebbel-Theaters zu Beginn der Performance. Die spanische Choreografin und Künstlerin La Ribot, der in diesem Jahr die Retrospektive von Tanz im August gewidmet war, präsentiert zum Ausklang des Festivals die neueste Serie ihrer „Distinguished Pieces“. Die jüngste Arbeit unterscheidet sich stark von den frühen Soloperformances, die sie in den Sophiensälen zeigte.

Die Aufführungssituation glich dort eher einer Ausstellung, das Publikum konnte sich frei durch den hell erleuchteten Raum bewegen und den meist nackten Frauenkörper betrachten, der verschnürt, beklebt und bemalt wird. Er ist zugleich Ausstellungsobjekt und Gebrauchsgegenstand. Die Soli sind kurz, pointiert und intim. Und La Ribot begeisterte mit ihrer starken Präsenz und ihrem eigenwilligen Humor.

La Ribot tritt mit zwei Männern auf

In „Another Distinguée“ fühlt sich der Zuschauer nun in einen Dark Room versetzt. Zu lauten Technoklängen schiebt sich das Publikum über die Bühne, in deren Mitte eine mit schwarzem Plastik verhüllte Masse aufragt. La Ribot tritt diesmal mit zwei Männern auf. Vermummte Gestalten huschen durchs Dunkel und schneiden sich die Kleider vom Leib. Etwas Aggressives haben auch die Paartänze, die eher wie ein Kampf anmuten. Wenn sie zum Schluss Juan Loriente und Thami Manekehla und dann sich selbst mit roter Farbe bemalt, erinnert das an ein Happening. Doch wie die drei in stiller Verbundenheit daliegen, ist ein starkes Bild.

Düster kommt auch „Dança Doente“, das neue Stück des brasilianischen Choreografen Marcelo Evelin und seiner Compagnie Demolition Inc. daher. Der Titel bedeutet „kranker Tanz“. Das Stück ist eine Annäherung an Tatsumi Hijakata, einen der Begründer des japanischen Butoh-Tanzes, der Ende der fünfziger Jahre entstand. Der „Tanz der Finsternis“ schockierte damals mit seinen radikalen Körperbildern. Evelin sieht den Körper als Symptom, das die Krankheit der Welt veranschaulicht. Die schwarzgekleideten Tänzer verharren in einem Zustand der Desorientierung.

Butoh-Legende Kazuo Ohno wird zitiert

Der Körper erscheint als instabiles Gebilde. Die verdrehten und verzerrten Bewegungen gehen in Zittern und Schütteln über. Der Tanz mutet wie eine Art Gestammel an. Evelin gelingen starke Bilder, doch der pathologische Blick in „Dança Doente“ hat auch etwas Ermüdendes. Gleich mehrere Künstler haben sich mit dem Butoh auseinandergesetzt. Takao Kawaguchi hat Videoaufzeichnungen benutzt, um die Bewegungen der Butoh-Legende Kazuo Ohno einzustudieren. Er zeigt aber, dass sich ein so außergewöhnlicher Künstler wie Ohno nicht kopieren lässt.

Über mangelnde Vielfalt konnte man sich beim Tanz im August nicht beklagen. Es wurden neben den Butoh-Vergegenwärtigungen auch Neuinterpretationen von Tango und Flamenco gezeigt – und eine queere Version des Hoochi Koochie. Dominiert haben das Festival aber die Frauen, und so ließen sich ganz unterschiedliche feministische Positionen ausmachen. Sasha Waltz, die erstmals mit einem rein weiblichen Ensemble zusammengearbeitet hat, entwirft ein merkwürdig archaisches Frauenbild. Ihr neues Stück „Women“, das in der St.-Elisabeth-Kirche aufgeführt wurde, nennt sie ein „choreografisches Ritual“.

Sasha Waltz ließ sich von Judy Chicago inspirieren

Die 20 Tänzerinnen in schwarzen und cremefarbenen Gewändern muten zuerst wie Hohepriesterinnen an. Sie schreiten feierlich durch den Raum, heben die Arme gen Himmel oder betonen die Körpermitte in tiefen Kontraktionen. Segnen, strömen, springen, stampfen: Die anmutige Schwesternschaft verwandelt sich in einen Haufen ungezähmter Tiere.

Sasha Waltz hat sich von der Installation „The Dinner Party“ der amerikanischen Künstlerin Judy Chicago inspirieren lassen, die eine Neuinterpretation des Abendmahls im Sinn hatte. Bergeweise werden nachgebildete Tierinnereien angeschleppt. Zuletzt knabbern die wilden Weiber sich gegenseitig an. So viel zum Thema „verschlingende Weiblichkeit“. „Women“ ist eine krude Bühnenfantasie, schwer verdaulich in ihrem kultischen Ernst.

Fast 22 000 Besucher bei diesem Tanz im August – ein schöner Erfolg. „Leidenschaft, Politik und gewagte Bewegungen“ hatte Kuratorin Virve Sutinen für die 29. Ausgabe des Festivals versprochen. All das gab es zu sehen, aber leider auch Monotonie und Mittelmaß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben