Tanz im August : „Ich bin ein unheilbarer Soldat der Liebe“

Der Tänzer Antony Rizzi spielt beim Festival Tanz im August ein radikal intimes Solo. Ein Gespräch über Drogen, Sex, Aids, Lebensfreude.

Sie nennen ihn Mama. Antony Rizzi hat alles probiert. Auch der Tanz ist ein Rauschmittel.
Sie nennen ihn Mama. Antony Rizzi hat alles probiert. Auch der Tanz ist ein Rauschmittel.Foto: Wonge Bergmann/TiA

Mister Rizzi, wie geht es Ihnen derzeit?

Ich fühle mich gut. Sehr stark. Ich musste ein Jahr lang Interferon gegen meine Hepatitis nehmen, ein Medikament, das auch in der Krebstherapie eingesetzt wird. Das war schwierig. In dieser Zeit konnte ich nicht auftreten. Es braucht dann noch einmal ein Jahr, bis das Gift abgebaut ist. Jetzt fühle ich mich, als ob ich meinen Körper zurückerhalten hätte.

Hatten Sie keine Angst, dass Sie sich nicht mehr erholen würden?

Genau davon handelt das Stück „Drugs kept me alive“. Ich begreife all das als ein Abenteuer und nicht als etwas, wovor man sich fürchten muss. Seit ich weiß, dass ich HIV-positiv bin, versuche ich, das Beste aus der Situation zu machen. In dem Stück wirft der Regisseur Jan Fabre nicht nur einen Blick auf die negativen Seiten der Sexualität, sondern auch auf die positiven.

Sie sind ein wahrer Überlebenskünstler. Was treibt Sie an? Was motiviert Sie?

Ich konfrontiere mich mit den Problemen und versuche auf meine Weise, die Welt etwas besser zu machen. Meine engsten Freunde nennen mich deshalb Mama Rizzi.

„Ich bin eine tanzende Apotheke“, lautet Ihre Selbstbeschreibung in „Drugs kept me alive“. Handelt es sich um die Bekenntnisse eines alternden Dance-Junkies?

Jan Fabre hat sich angeschaut, wie ich mein Leben lebe, und einen Text darüber geschrieben. Es geht um meine Lebensphilosophie, aber auch um die Frage: Was sind legale und was sind illegale Drogen? Manche Pharmaka machen dich richtig high. Wenn die Pharmakonzerne etwas als Medikament deklarieren und ungeheuer Profit damit machen, ist das in Ordnung. Aber Marihuana, was ein Witz von einer Droge ist, wird nicht legalisiert.

Sie haben anscheinend nichts ausgelassen. Wie ausführlich sprechen Sie von all den verbotenen Substanzen? Muss man die Jugend vor dem Stück warnen?

Ein zentraler Satz lautet: „Am I sick? No, I’m an uncurable soldier of love.“ Es geht also darum: Ich bin vielleicht krank, aber ich lebe mein Leben auf meine Weise. In jeder der neun Szenen geht es dann um eines der Medikamente, die ich genommen habe.

Sie haben nicht nur Medikamente genommen, sondern auch Drogen wie Ecstasy, Ketamin, GBH, Poppers, Speed, Kokain oder 2C-B, 2C-1, 2C-7.

Beides hat mir geholfen. Ich habe zum Beispiel zwei Jahre lang Kokain geschnupft – eine Droge, die körperlich abhängig macht. Ich habe es aus einem bestimmten Grund genommen. Ich wollte eine harmonische Beziehung mit meinem Liebhaber schaffen. Wenn wir nicht auf Drogen waren, kam die Wahrheit zum Vorschein: Dieser Mann hat mich nicht geliebt.

Damit haben Sie eine Liebesillusion geschaffen.

Das ist wahr. Aber es geht doch um Überhöhung, Intensität – und um Bewusstseinserweiterung.

Haben Sie auch Drogen genommen, wenn Sie auftreten mussten?

Ja. Es gab eine schrecklichen Phase, wo ich aus den falschen Gründen Drogen genommen habe. Damals habe ich vor jedem Auftritt gekokst.

Und wie lief es mit Ketaminen?

Um Himmels willen! Das ist ein Beruhigungsmittel für Pferde, damit kann man nicht auf die Bühne gehen. Obwohl es interessant ist für Tänzer wegen der sonderbaren körperlichen Empfindungen, die es auslöst. Ich konnte einmal beim Sex mein Bein um meinen Kopf schlingen wie ein Yogi, obwohl ich sonst eher steif bin. Das ist wohl so ein Fall: Ich glaube, dass etwas passiert, und dann geschieht es auch. Das ist reine Quantenphysik.

Das klingt, als wäre das alles ein kontrolliertes Drogenexperiment mit Körper und Geist gewesen. Hatten Sie nie einen Horrortrip? Haben Sie keine Angst, dass der Drogenkonsum auf Dauer Ihren Körper ruiniert?

Selbst wenn ich mich beschissen gefühlt habe, hatte ich immer noch die volle Kontrolle. Mittlerweile nehme ich auch nicht mehr so viele Drogen, denn ich habe viele Freunde gesehen, denen es danach richtig mies ging. Zwei haben regelrecht den Verstand verloren. Aber Drogen können dir auch die Wahrheit über dich selbst enthüllen – so haben Schamanen sie schon seit langem verwendet.

„Du musst das Unzumutbare akzeptieren“, heißt es in dem Stück. Bedeutet das, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren?

Woody Allen hat einmal gesagt: Als er jung war, konnte er sich nicht vorstellen, dass er einmal sterben muss. Das war dasselbe für mich: das Inakzeptable akzeptieren. Das Leben muss gelebt werden, auch wenn es den Tod impliziert. Das ist auch meine Philosophie: Du musst dein Leben leben, auch wenn etwas Schlimmes passiert. Nimm es als eine Erfahrung. Lerne etwas daraus.

Von den Buddhisten stammt der Gedanke, dass die Krankheit ein Lehrer ist.

Wir sind so besessen vom Aussehen. Wir schauen auf den Körper, aber wir sehen nicht die Seele. Erstaunlich ist: Wenn der Körper verfällt, kommt die Seele stärker zum Vorschein, und das ist schön. In dem Stück spreche ich viel von meinem verfallenden Körper – und wie ich eine gewisse Lust daraus schöpfe.

Der französische Philosoph Michel Foucault, der 1984 an Aids gestorben ist, gab dem dritten Band seiner „Geschichte der Sexualität“ den Titel „Die Sorge um sich selbst“. Ist das auch Ihre Maxime?

Mittlerweile schon. Als junger Tänzer hatte ich mein körperliches Training, aber in emotionaler Hinsicht wusste ich nicht, was gut für mich ist. Mit dem Alter bin ich achtsamer geworden. Manche Männer, die sich angesteckt haben, denken, dass sie sowieso sterben, und werfen sich weg. Andere empfinden das Leben als etwas Kostbares.

Wie drückt sich das in dem Stück aus?

Wir verbinden das Thema „Leben mit HIV“ mit der Suche nach Spiritualität. Ich bin in gewisser Hinsicht ein Prophet und Hexer. Seit meiner Jugend weiß ich, dass es mehr gibt als das, was wir sehen können. Es gibt noch andere Energien. Drogen und Sex sind ein Weg dorthin.

Wie war die Zusammenarbeit mit Jan Fabre? Er ist eine andere Künstlerpersönlichkeit als der Choreograf William Forsythe.

Beide haben einen ganz anderen Ansatz: Billy ist sehr entspannt und frei, er geht immer von etwas Unbekanntem aus. Jan dagegen sucht zuerst nach einem Bild.

Hat das Stück denn auch den typischen Tony-Rizzi-Humor?

Na klar. Ohne Humor läuft da nichts. Aber es ist nicht eine reine Spaß-Show. Die Zuschauer fangen schon mal an zu weinen und sind sehr bewegt.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

„Drugs kept me alive“: Schaubühne am Lehniner Platz, 16. und 17. August, 19.30 Uhr.

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