Tanz im August : Im Bärenfell

Jonathan Burrows/Matteo Fargion zelebrieren ihre Kunst mit größter körperlicher Perfektion auf dem Berliner Tanz im August. Gisèle Vienne hingegen begibt sich bei der gleichen Veranstaltung auf einen mit Todessymbolik spielenden Horrortrip.

Sandra Luzina
Vienne
Kindertotenlieder. Gisèle Vienne in den Sophiensälen. -Foto: Tanz im August

Mit diesen beiden Männern geht es bergab. Matteo Fargion posaunt ein langgezogenes absteigendes Ahhh!! in den Raum, Jonathan Burrows setzt diesen Laut sogleich in eine Abwärtsbewegung um: schreitet vorwärts mit gebeugtem Oberkörper und geht dabei immer tiefer und tiefer in die Knie. Die lustig anzuschauende männliche Regression steht am Anfang von „The Quiet Dance“, einem alles andere als leisen Tanz, der sich freilich aufs Erstaunlichste weiterentwickelt.

Der englische Tänzer und Choreograf Jonathan Burrows und der italienische Komponist Matteo Fargion: Seit ihrem „Both Sitting Duett“ von 2002 sind die beiden unzertrennlich. Fast könnte man sie als das Duo Gilbert & George der Tanzszene bezeichnen. Denn die eher unauffällig aussehenden Herren Ende vierzig, sie erweisen sich als herrliche Exzentriker. Wie perfekt sie aufeinander eingespielt sind, zeigte ihr umjubelter Auftritt in der Halle beim „Tanz im August“. Konzeptionell stark, strikt formal und dabei doch verspielt und humorvoll.

Ihre Performances basieren auf einem begrenzten Repertoire an Bewegungen, Wörtern und Tonfolgen. So transparent die Komposition, so viele Haken schlägt die Performance. Jonathan Burrows und Matteo Fargion bewegen sich komplemetär oder kontrapunktisch zueinander: Der eine singt, der andere tanzt – und vice versa. Sagt der eine step, sagt der andere stop. Beide zusammen wiederholen dann: love love love ...

Beckett trifft hier auf Monty Python. Die unsinnigsten Lautfolgen und aberwitzigsten Bewegungsphrasen werden mit ernster Miene ausgeführt. Jede noch so absurde Aufgabe muss mehrmals wiederholt werden – auch wenn keiner weiß, warum. Nach jeder Folge gehen sie in die Hocke und klatschen wie zwei Sumoringer in die Hände. Dann beginnt das Spiel von vorn. Der hagere Brite und der rundliche Italiener mimen auch mal Herr und Sklave, der eine folgt schicksalsergeben den Anweisungen des anderen – und dreht den Spieß dann um. Und immer wieder erproben die beiden sich in der Königsdisziplin des Synchron-Tanzes, ein amüsanter Doppler-Effekt.

In „Speaking Dance“ sitzen sie auf Stühlen und werfen sich die Wörter wie Bälle zu. Aus den Begriffsfolgen entsteht in der Vorstellung ein etwas wirrer Tanz, der jeden Tänzer aus dem Konzept brächte. Fargion singt italienische Canzoni, während Burrows mit unerbittlicher Präzision seine Armbewegungen in die Luft schreibt und schneidet – vom holden Slapstick bis zum höheren Nonsense entwickelt sich der Dialog des Komikerduos. Als das Arsenal erschöpft scheint, holen sie gefaltete Zettel aus der Hosentasche. Die letzten Begriffe für das Spiel lauten: Chicken Yes Come, und noch dieser Trias gewinnen sie herrliche Variationen ab. Jonathan Burrows und Matteo Fargion untersuchen in ihren verspielt-intelligenten Performances nicht nur das Verhältnis von Sprache und Körper, Musik und Tanz. Sie erkunden auch die Spielregeln menschlicher Kommunikation. Deren Variationsmöglichkeiten sind einfach verblüffend.

Todernst hingegen ging es bei Gisèle Vienne in den Sophiensälen zu. Ihre Produktion „Kindertotenlieder“ hat nichts mit Gustav Mahler zu tun, sondern ist ein Black-Metal-Horrortrip mit teils live gespielter Musik von KTL (Stephen O’Malley und Peter Rehberg). Der Text stammt von dem amerikanischen Autor Dennis Cooper, der durch literarische Schocker bekannt wurde. Vereiste Gefühle, erstarrte Körper: Auf der mit Kunstschnee bedeckten Bühne dämmern düstere Gestalten dem Kältetod entgegen. Schwarze Kapuzenträger, einige davon sind lebensgroße Puppen, treffen hier auf lärmende Monster, halb Bär, halb Ziegenbock. Hier standen die österreichischen Perchten Pate. Die Jungs, die aus dem Bärenfell schlüpfen, strahlen etwas bedrohlich Animalisches aus. Todessüchtiger Teen-Spirit, bleiche Selbstmord-Schwestern und die Killer-Fantasien pubertierender Jungs – daraus wird hier eine schwarze Messe. Vienne beschwört die Erotik des Todes, sie erlaubt keine Distanz zu den morbiden Fantasien. Die „Kindertotenlieder“ wollen uns wohl das Fürchten lehren – und lassen einen am Ende doch nur kalt.

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