''Tanz im August'' : Jubelsprünge in der Wartehalle

Verstörend betörend: Der "Tanz im August" feiert 20. Geburtstag. Heute eröffnet das Festival mit Akram Khans "Bahok".

Sandra Luzina

1992 zeigte Meg Stuart beim „Tanz im August“ ihre „Disfigure Study“, ein Jahr darauf folgte das bahnbrechende „No longer Readymade“. Die junge Sasha Waltz konnte man schon 1991bewundern, als Tänzerin in Mark Tompkins „Wheel of Fortune“. Beim „Tanz im August“ 1992 stellte sie „False Trap“ vor. Ein Jahr später gründete sie in Berlin das Kollektiv „Sasha Waltz & Guests“ – das war der Beginn einer sagenhaften Erfolgsgeschichte.

Es hat sich viel bewegt, seit „Tanz im August“ 1989 von Nele Hertling aus der Taufe gehoben wurde. Meg Stuart und Sasha Waltz repräsentieren heute neben Constanza Macras und Xavier Le Roy die Tanzmetropole Berlin, die nach wie vor eine starke Anziehungskraft auf Choreografen und Tänzer aus aller Welt ausübt. Und der „Tanz im August“, der von Anfang an Pionierarbeit geleistet hat, ist immer noch Impulsgeber und Trendsetter.

Wenn der „Tanz im August“ nun sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist das natürlich Anlass für viele Freudensprünge. Mittlerweile ist der „Tanz im August“ zum größten Tanzfestival Deutschlands avanciert. Und der zeitgenössische Tanz genießt als Kunstform heute eine hohe Anerkennung. Circa 1,1 Millionen Euro stehen dem „Tanz im August“ dank zusätzlicher Lottomittel für seine Jubiläumsausgabe zur Verfügung – damit ist er finanziell schlechter ausgestattet als die anderen europäischen Festivals, mit denen er sich messen lassen muss. Uraufführungen sucht man deshalb vergebens – bis auf eine Ausnahme: Die in Berlin lebende israelische Tänzerin und Choreografin Zufit Simon zeigt „Meine Mischpuche“, das Stück entstand auf der Basis von Interviews, die Simon mit ihren Eltern und Großeltern geführt hat.

Ein leichtfüßiges Jubelprogramm hatten die Kuratoren Bettina Masuch, Ulrike Becker und André Theriault offenkundig nicht im Sinn. Die neue Ausgabe setzt weniger auf große Namen, sondern lädt vor allem zu Neu- und Wieder-Entdeckungen ein. Vom 15. bis 31. August präsentiert das Festival Tanz, der politisch und poetisch, verstörend und betörend ist. Nach wie vor ist es der Anspruch von „Tanz im August“, neue Entwicklungen im Tanz zu reflektieren. Auffallend ist, dass sich die meisten Arbeiten einer eindeutigen Genrezurordnung verweigern. Die künstlerischen Formen werden vermischt, und die unterschiedlichen Tanzstile werden munter kombiniert und gekreuzt, ohne dass unbedingt ein einheitlicher Personalstil erkennbar wäre. Tanz heute meint eine Pluralität der Körper und der Bewegungen. Für Bettina Masuch ist der Tanz zudem ein „ideales Medium“, um Fragen von kultureller Identität in der Globalisierung zu verhandeln.

Wie die viel zitierte „Migration der Formen“ auf der Bühne aussieht, veranschaulicht aufs Schönste der britisch-bengalische Choreograf Akram Khan, der mit seiner neuen Produktion „Bahok“ den „Tanz im August“ eröffnet. Das Stück ist durchaus Olympia-kompatibel, Khan spannt drei Tänzer des klassisch ausgerichteten National Ballet of China mit fünf Tänzern seiner eigenen bunt zusammengewürfelten Company zusammen. „Bahok“ ist eine sensible Suche danach, was Heimat noch bedeutet in einer Welt, in der alle auf Achse sind. Das Stück spielt in einer Wartehalle, einem Ort des Transits. Die Anzeigentafel über den Köpfen spielt verrückt. Wo sie herkommen, wo sie hinwollen, wird den Reisenden zunehmend unklar – was zu brüsken Annäherungen und komisch-verzweifelten Kommunikationsversuchen führt. Jeder hat hier bald einen Fremden am Hals.

Bahok – das bengalische Wort meint Träger. Jeder der Tänzer ist ein Bahok – Khan hat ihnen Geschichten entlockt, er erforscht, wie sich biografische Erfahrungen und kulturelle Prägungen in die Körper einschreiben. Seine Choreografie schöpft aus dem Reichtum der unterschiedlichen Tanzstile, er zelebriert ein kulturelles Miteinander, ohne die Differenzen zu verwischen.

„Bahok“ im HAU 1, 15. und 16.8., 20 Uhr, Mehr Infos: www.tanzimaugust.de

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