Kultur : Tanz im Schwarzwald

Die Art Karlsruhe feiert zehnten Geburtstag – und hat längst nicht ausgelernt.

Annika Karpowski
Schleudersitz. Stefan Rohrers Skulptur
Schleudersitz. Stefan Rohrers SkulpturFoto: dpa

Der Südwesten tickt anders. Als Marktplatz für Kunst feiert die Art Karlsruhe nun ihr zehnjähriges Jubiläum. Dass sich die Messe rechnet, hat viel mit den Sammlern zu tun, die sich hier ballen. Mit 220 Galerien aus 13 Ländern gehört sie heute zu den weltweit größten Messen. Für ihre erste Ausgabe bekam die von Skepsis begleitete Veranstaltung gerade einmal 82 Galerien zusammen. Inzwischen ist sie fest im Kalender verankert: Vergangenes Jahr kamen laut Messegesellschaft 48 000 Besucher.

Selbstbewusst lächeln die Karlsruher Veranstalter, allen voran Galerist und Organisator Ewald Schrade, über die Hybris anderer europäischer Messen. Bis heute scheint nämlich klar, dass man das badische Angebot nicht mit dem von Basel oder Köln vergleichen kann, auch wenn die Messe in puncto Organisation und Beständigkeit beispielhaft agiert. Wirtschaftlich macht die Veranstaltung alles richtig, weshalb die Art Karlsruhe neben der Art Cologne mittlerweile die einzige Kunstmesse auf deutschem Boden ist. Im Süden gibt es, was Berlin stets vermisste: kommerzielle Aktivität. Bei Henze & Ketterer (Wichtrach/Bern) gingen gleich zur Eröffnung drei Bilder an Sammler aus dem Schwarzwald, darunter ein Gemälde von Fritz Winter (1962) für 75 000 Euro. Gefragt sind ebenso Positionen, die mit dem Standort verwurzelt sind. Die Galerie Friese aus Stuttgart hat deshalb neben Willi Baumeister (180 000–450 000 Euro) und Dieter Krieg auch dessen einstige Schülerin Tatjana Doll mitgebracht. Ein paar Kojen weiter hält Schlichtenmaier drei wunderbare Informel-Gemälde von Emil Schumacher und das Bild „Die Macht der Liebe“ von Konrad Klapheck (280 000 Euro) bereit. Eine deutsche Institution meldete bereits Interesse an. Die Hamburger Galerie St. Gertrude zeigt Arbeiten von Dieter Roth und Horst Janssen und konnte einiges davon zur Preview verkaufen. Fotokunst aus der Sammlung Marita Ruiter ist in der Halle 1 ausgestellt – die Motive von Gisèle Freund sind jedoch unverkäuflich. Im Gegensatz zu den Kontaktabzügen von Albert Watson, die die die Hamburger Flo Peters Gallery in einer Auflage anbietet. Zu sehen ist die 22-jährige Kate Moss (8000 Euro).

Wieder vertreten ist auch die Galerie Boisserée aus Köln. Da sie den Nachlass Antonio Saura betreut, hat Galerist Thomas Weber für die Messe eine besonders schöne Arbeit mitgebracht („Dama“ von 1960, 45 000 Euro). Dazu gibt es meterhohe Miró-Grafiken (390 000 Euro). Nebenan bei Schwarzer aus Düsseldorf staunt man über einen Blumengarten von Emil Nolde für 2,6 Millionen, der jedoch nicht das teuerste Werk der Messe ist. Dies stammt von Ernst Ludwig Kirchner („Totentanz der Mary Wigman“, 1926/1928, 3,7 Mio. Euro, Henze & Ketterer). Ebenfalls ein Garant für Bluechip-Künstler ist Galerist Michael Werner. Neben einem großen Gemälde von Jörg Immendorff (340 000 Euro) steht Georg Baselitz’ Leinwand „Tanz mit Arm“ zum Verkauf (400 000 Euro). Zwei Achrome-Bilder von Piero Manzoni (220 000 und 320 000 Euro) aus den sechziger Jahren gehören zu den vielen musealen Angeboten der Art Karlsruhe. Mitgebracht hat sie die Galerie Kanalidarte aus Brescia. Wobei Bernard Aubertins ausgebrannter Fiat Cinquecento am selben Stand weit mehr Blicke auf sich zieht.

Skulpturen sind von jeher ein Anliegen der Messe. Platziert zwischen den Einzelständen, gelten die Bronzen von André Masson (Die Galerie, Frankfurt/Main) diesmal als besonders sehenswert. Eine davon ging für über 200 000 Euro an einen Privatsammler aus dem Ausland. In der gegenüberliegenden Halle wartet ein überlebensgroßer „Grande Cardinale in Piedi“ (1979) von Giacomo Manzù für 480 000 Euro auf Käufer. Qualitativ wirkt die Messe dennoch durchwachsen. Vor allem bei der aktuellen Kunst. Bunt und beliebig wirken viele Stände, die Sektion „Neue Positionen“ löst auch in diesem Jahr wenig Begeisterung aus. Ratsam wäre es, wie Schrade zur Eröffnung vorschlug, „unten abzuschuppen, um oben anzubauen“. Empfehlenswert in diesem Sektor: die Berliner Galerie E105 mit Arbeiten von Amely Spötzl sowie die Galerie Kleindienst aus Leipzig, beide zum ersten Mal dabei. Hier zeigt Rosa Loy ihre Malerei und werden Jens Schuberts bunte Linolschnitte samt Druckplatten angeboten. Eine der wenigen fein kuratierten Kojen stammt von der Galerie Angelika Harthan (Stuttgart), die altmeisterlich-düstere Malerei des österreichischen Künstlers Norbert Fleischmann (ab 1200 Euro) anbietet. Verhältnismäßig wenige Galerien sind aus Berlin angereist, darunter Georg Nothelfer, Michael Schultz und die Circle Culture Gallery.

Obwohl die Messe kontinuierlich erfolgreich ist, machen sich die big player rar. Bedauerlich und bezeichnend: International agierende Galerien vor Ort wie Meyer Riegger oder Kadel Willborn meiden die Art Karlsruhe. Offenbar gehen die Meinungen über die Messe auch im Jubiläumsjahr auseinander. Ihre Macht aber sollte sie mit Blick auf nachfolgende Generationen nutzen und jungen, aufstrebenden Galerien eine Alternative bieten. Bisher kann davon (noch) nicht die Rede sein. Annika Karpowski

Bis 10. 3., www.art-karlsruhe.de

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