Tanz : In anderen Dimensionen

Von außen ist es noch eine Baustelle, doch das Innere wird hier zur Bühne. Tanz der Mythen: Sasha Waltz weiht das Neue Museum ein

Sandra Luzina
Tanz
Hals über Kopf. Tänzer im großen Treppenhaus. -Foto: Lieberenz/bildbuehne.de

Atemberaubend schon der Auftakt im Griechischen Hof mit seinem Stahl-Glas-Dach. Unter dem Fries von Hermann Schievelbein, das den Untergang Pompejis darstellt, sind neun Tänzer wie Statuen auf einem Sims platziert. Sie schweben in mehr als zwei Meter Höhe, unten stehen die Musiker des Ensembles Kaleidoskop, die Georg Friedrich Haas’ Komposition „Open Spaces“ für zwölf umgestimmte Streichinstrumente und zwei Schlaginstrumente erklingen lassen. Zu den mikrotonalen, abgedunkelten Klängen beginnen die Körper sich zu regen. Sasha Waltz hat nicht nur die Gesamtwirkung des Ensembles kalkuliert, sie lenkte den Blick auch auf tänzerische Details.

Ein Tanz in andere Dimensionen. Der monumentale Raum erlaubt es Waltz nicht nur, Breite und Tiefe auszuloten, sondern auch mit der Höhe zu experimentieren. Waltz erhöht ihre Tänzer aber nur, um sie sogleich wieder zum Sockel zu holen. Die Körper kippten, sanken ineinander, bis sie ein pathetisches Fries bildeten. Doch statt des Untergangs sieht man eine Art Menschwerdung: Die Akteure hängen an dem Mauervorsprung, um dann zu Boden zu springen oder zu gleiten. Eben noch entrückt wie ein schönes Bildnis, sind sie nun quicklebendige Kreaturen zum Anfassen. Aus den Läufen heraus werfen die Tänzer sich in ausgeklügelte Körperarchitekturen. Die Körper geben einander Halt, stützen und verklammern sich, es entstanden ebenso fragile wie dynamische Konstruktionen.

Von außen ist es noch eine Baustelle, doch das Innere des wiederhergestellten Neuen Museums wird hier zur Bühne. Noch bevor die Sammlungen einziehen, erweckt Sasha Waltz mit 70 Tänzern und Musikern David Chipperfields grandiosen Museumsbau zum Leben. „Dialoge 09“ ist als Rundgang konzipiert, doch anders als bei dem Tanzprojekt im Jüdischen Museum hat Waltz den unterschiedlichen Räumen diesmal jeweils eine Gruppe von Tänzern zugeordnet. Staunend streifen an die tausend Besucher durch die vier Etagen des Gebäudes, wo sich immer neue Wunderkammern öffnen. Hinter jeder Säule kann hier eine verzückte Nymphe mit bloßen Füßen hervorspringen, in den Wandnischen oder auf den Fenstersimsen zeichneten Koren in fließenden Gewändern verschlungene Muster mit Händen und Armen. Und ehe man sich versieht, stolpert man über einen gestürzten Adonis oder hat eine orgiastisch sich beugende und drehende Bacchantin an den Fersen. Sasha Waltz füllt die Ausstellungsräume mit ihrer Fantasie und macht den Mythen Beine.

Die Choreografin greift die Inszenierungsmöglichkeiten des Museums auf, aber sie stellt sich auch quer zu den Ordnungsmodellen. In erster Linie ist „Dialoge 09“ eine Erkundung der individuell gestalteten Räume. Die Choreografin öffnet die Augen für Materialität und Ausdrucksformen der Architektur.

Ein Höhepunkt sind die Szenen in der von Chipperfield neu gestalteten Treppenhalle, in der die Spuren der Zerstörung deutlich sichtbar werden. Zu Claude Viviers klangsinnlichem Werk „Zipangu für 13 Streicher“ entwirft Sasha Waltz nicht nur die Aufwärts- und Abwärtsbewegungen, sie spielt mit der Perspektive, kippt die Vertikale in die Horizontale: Die Männer legen sich ihre Partnerin quer über die Schultern, so dass sie mit den Füßen die sorgsam bearbeitete Ziegelwand entlanglaufen können. In der Auseinandersetzung mit Räumen sucht sie immer auch Reibung und Widerstand.

„Dialoge 09“ ist vor allem eine Verbeugung vor der Architektur, doch Sasha Waltz erweist auch der Nofretete ihre Reverenz, indem sie ihr zwei Schwestern vorausschickt. Im Nordkuppelsaal umkreisten sich zwei Priesterinnen mit goldenem Kopfschmuck in einem betörenden Ritual. Waltz ließ sich von der klassischen und altägyptischen Formensprache inspirieren und interpretiert sie aus einem modernen Verständnis heraus – einfach hinreißend. Zwischen Kult und Konstruktion: „Dialoge 09“ spricht die Sinne an und rückt das Neue Museum wieder ins öffentliche Bewusstsein.

bis 30. März, bereits ausverkauft.

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