Kultur : Tanz, mein Sachse, tanz

Die traditionsreiche Dresdner Kunstszene braucht einen zeitgenössischen Kontrapunkt: das Festspielhaus Hellerau

Frederik Hanssen

Hinter der Haltestelle „Abzweig nach Hellerau“ biegt die Tram quietschend in den Wald ein, rumpelt ein ziemlich langes Stück zwischen mächtigen Stämmen hindurch, bis sich plötzlich das Dickicht lichtet und in der Talsenke die Gartenstadt Hellerau auftaucht. Ein fast mystischer Ort: Hier entstand 1909 die erste deutsche Modellsiedlung.

In den sanften Hügeln sechs Kilometer nördlich des Dresdner Stadtzentrums baute der Deutsche Werkbund eine Fabrik samt Arbeitersiedlung, inspiriert von den Ideen des Engländers Ebenezer Howard, der mit garden cities die Arbeiter aus dem Elend der Hinterhöfe befreien wollte. In den einstigen Werkhallen residieren heute Technologieunternehmen. Der gepflegte Vorort aber wirkt wie aus der Zeit gefallen. In Hellerau gibt es keine bröckelnden Fassaden, keine leer stehenden Nachwende-Bürohäuser und Investitionsruinen, wie sie bei der Fahrt vom Hauptbahnhof her am S-Bahn-Fenster vorbeirauschen. Hier kann man beim Bäcker am Marktplatz noch Rumkugeln bekommen, in denen echte Biskuitteig-Stücke dafür garantieren, dass tatsächlich im Hinterzimmer gebacken wird.

In dieser Idylle will der Komponist, Dirigent und Kulturmanager Udo Zimmermann, nach erfolgreichen Jahren als Leipziger Musiktheaterleiter und den bitteren Erfahrungen an der Deutschen Oper Berlin, für seine Heimatstadt Dresden nun ein „europäisches Zentrum der Künste“ entwickeln. Seit 2002 ist er Intendant von Hellerau; und wie immer, wenn Zimmermann etwas anpackt, hat er hier Großes vor: zum Beispiel die Sanierung des Festspielhauses.

Das Festspielhaus von Heinrich Tessenow war die eigentliche Sensation des Orts. So etwas gab es in den anderen 30 deutschen Gartenstädten nicht. Die Dresdner Modellsiedlung sollte ein Gesamtkunstwerk werden, Arbeit und Freizeit an ein und demselben Ort vereinen. Die Tanzaufführungen, die der Schweizer Reformpädagoge Emil Jaques-Dalcroze ab 1912 im Festspielhaus veranstaltete, lockten die europäische Geisteselite nach Hellerau: von Kafka und Rilke über Le Corbusier und Rachmaninow bis zu Gerhart Hauptmann, Stefan Zweig und Oskar Kokoschka. Sie alle wollten die Abende erleben, die zur Grundlage des modernen Ausdruckstanzes wurden.

Vier kurze Jahre währte die Blütezeit des experimentellen Zentrums – dann machte der Beginn des Ersten Weltkriegs alle Utopien zunichte. 1933 schließlich mussten Bauten und Grundstück verkauft werden. Die Nazis wollten zunächst eine „Weihebühne“, eine Art „Bayreuth des völkischen Dramas“ aus Hellerau machen, bauten das Festspielhaus 1939 dann aber doch zur Polizeischule um. Nach Kriegsende nutzte die Rote Armee das Gelände als Kaserne. Seit 1992 war das legendäre Areal weitgehend dem Verfall preisgegeben.

Wer heute an der Station „Festspielhaus“ aus der Tram steigt, bleibt zunächst desorientiert stehen. Von dem hoch aufragenden Giebel, von dem viel zu groß dimensionieren Säulenportikus keine Spur. Erst wenn der Besucher sich in die Einfahrt zwischen zwei zugewucherten Grundstücken wagt, kommt der Palast der Moderne in den Blick. Zwei hübsche, bereits restaurierte Pensionshäuser markieren den Eingang zur großen Freifläche, die von einer mächtig auftrumpfenden, dreiflügeligen Anlage umgrenzt wird. Noch ist der einstige Glanz nur zu erahnen, die Gehwegplatten sind zerbrochen, der graue Putz bröckelt.

Hinter den Eingangstüren allerdings empfängt den Gast ein renoviertes Foyer mit matt schimmernden Messinggeländern an den breiten Treppen, schlichtem Fliesenboden und weißen Wänden. Als Kontrapunkte hat man die beiden patriotischen Wandgemälde vom glorreichen Feldzug der Sowjetarmee belassen, die russische Soldaten in heroischem Realismus in die Treppenhäuser gepinselt haben. Der Rest des Gebäudekomplexes aber trägt sichtbar die Narben der bewegten Vergangenheit: Im zwölf Meter hohen Festsaal, der bis 1992 als Turnhalle genutzt wurde, sind olympische Piktogramme an den Wänden erkennbar. In ihren Aufenthaltsraum ließen sich die Offiziere ein steinernes Bassin mauern: Aus der darüber angeklebten Landschaftstapete ragt ein Wasserhahn – fertig ist der Wohnzimmerspringbrunnen.

Als William Forsythe den Ort erstmals besichtigte, rief er begeistert aus: Ihr müsst alles so lassen, wie es ist! In der Tat wirkt das ganze Haus wie ein Anna-Viebrock-Bühnenbild. Doch da wird der Denkmalschutz kaum mitspielen. Auch Zimmermann will das Gebäude lieber heute als morgen saniert sehen.

Geld für den Umbau hat er bereits: Acht Millionen Euro investiert der Freistaat Sachsen in den nächsten drei Jahren. Und einen Star gibt es auch schon: Im Herbst 2005 wird sich der Choreograf William Forsythe mit seiner Kompanie in Hellerau niederlassen, zumindest für zwölf Wochen im Jahr. So sieht es der komplizierte, zwischen Dresden und Forsythes bisheriger Wirkungsstätte Frankfurt am Main sowie den Bundesländern Hessen und Sachsen ausgehandelte Vierjahresvertrag vor.

Bis zu 30 Mal werden die Tänzer pro Saison in Dresden auftreten. Um diesen überregional wirksamen Publikumsmagneten wird Udo Zimmermann sein Programm konzipieren müssen – wobei er bis zur Ankunft des weltweit geschätzten Künstlers nicht einfach stillhalten will. Schon in der Umbauphase soll das Haus bespielt werden – so weit es seine Finanzmittel zulassen. Träger des neu erwachenden Kulturstandortes ist die städtische Einrichtung des „Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik“, das Udo Zimmermann 1986 gründete und seitdem leitet. Als „Ort der Bewegung, der geistigen Begegnung“ will Zimmermann Hellerau wieder ins europäische Bewusstsein rücken. Das traut man ihm sogar zu – mit einem jährlichen Etat von 2,5 Millionen Euro wird das allerdings kaum zu bewerkstelligen sein.

Auch Dresden hat Geldsorgen. Doch wenn die Stadtväter klug sind, setzen sie in ihrem Haushalt einen deutlichen Akzent zugunsten von Hellerau. Sie könnten das Geld aus dem Topf für Stadtmarketing nehmen – denn ein gut funktionierendes Avantgardezentrum ist als Imagefaktor kaum zu überschätzen. Dresdens Dilemma besteht darin, dass die Stadt vor allem als Freiluftmuseum wahrgenommen wird. Mit ganzer Kraft wird daran gearbeitet, die Idealvorstellung vom Vorkriegs-Dresden wiederherzustellen. Die Rekonstruktion der Semperoper, der symbolträchtige Aufbau der Frauenkirche, die Wiederherstellung des Schlossbezirkes, das alles wird von den Touristen hoch geschätzt. Doch es fehlt ein Kontrapunkt zum Historischen. Ebenso wie Dresden um zukunftsträchtige Industrieansiedlungen kämpft, um die gläserne Manufaktur von VW und Infineon, sollte die Stadt auch bemüht sein, auf dem Kultursektor das Zeitgenössische zu fördern.

Mit der Wiederbelebung von Hellerau rückt diese Vision in greifbare Nähe: Semperoper und Hellerau, festliche Opernabende und multimediale Uraufführungen in unmittelbarer Nähe – und in produktiver Konkurrenz. Zimmermann will sich vom Festivalzirkus fernhalten, will nicht die um den Globus tourenden Großproduktionen für teures Geld einkaufen. Seinen 500-Plätze-Saal sieht er eher als Laboratorium, er wünscht sich Projekte, die in den großzügigen Ateliers und Probenräumen entwickelt werden und sich stets auch mit dem auratischen Ort Hellerau auseinandersetzen.

Auf der Rückfahrt ins Stadtzentrum schweift der Blick noch einmal über den „Grünen Hügel“. Ja, hier kann man sich durchaus einen Treffpunkt der Avantgarde vorstellen, ganz nah an der inspirierenden, Widerspruch provozierenden Metropole Dresden. Und doch weit genug entfernt vom Großstadtlärm, um der Zukunftsmusik lauschen zu können.

Der Intendant:

Udo Zimmermann, geboren 1943 in Dresden, 1954-62 im Dresdner Kreuzchor, studierte an der Dresdner Musikhochschule Komposition sowie Dirigieren und Gesang. 1970 wurde er Dramaturg der Dresdner Staatsoper, 1978 als Professor für Komposition an die Dresdner Musikhochschule berufen. 1986 gründete er das Dresdner „Zentrum für zeitgenössische Musik“. Seit Anfang 2004 arbeitet das von ihm gegründete „Zentrum für zeitgenössische Musik“ in Hellerau.

Das Programm: In diesem Jahr bietet Zimmermann bereits 70 Projekte in Hellerau an. Am 1. Oktober starten die Dresdner Tage für zeitgenössische Musik mit der Uraufführung von vier Kurzopern. Vom 5. bis 7. November findet der Tanzherbst 2004 in Hellerau statt, gefolgt vom „Achten Internationalen Festival für computergestützte Kunst“

(17. bis 21. November)

Informationen unter: www.kunstforumhellerau.de – Am 12. September kann das von Heinrich Tessenow entworfene Gebäude beim Tag des offenen Denkmals besichtigt werden.

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