Tanz : Merce Cunningham: Der Meister des Zufalls

Getanzte Metaphysik: zum Tod von Merce Cunningham, dem Vater des postmodernen Tanzes.

Elisabeth Nehring
Cunningham Foto: dpa
Merce Cunningham -Foto: dpa

Niemand, der die Vorstellung im August vor zehn Jahren im Berliner Schiller Theater gesehen hat, wird ihre Magie je vergessen: wie die Tänzer, ohne jede Mühe, ohne Schnörkel und Kapriolen, scheinbar aus dem Nichts auf der Bühne erschienen, ihre Bahnen zogen oder auf dem Platz wundersam leichte Schritt- und Sprungkombinationen ausführten, um schließlich wieder ins Nichts zu diffundieren – das war mehr als toller Bühnenzauber, es war getanzte Metaphysik.

Diese hochpräzisen Wesen waren keine überirdischen Ballettfeen, sie blieben sichtbar Menschen aus Fleisch und Blut, aber sie konnten sich nicht nur in alle Richtungen gleichzeitig bewegen, sondern auf unerklärliche Weise zwischen den Welten wandeln, der irdischen und jenseitigen. ‚Biped’ hieß dieses Meisterwerk und es war einer der Höhepunkte im Schaffen Merce Cunninghams.

Der Gazevorhang, auf dem animierte Strich- und Punktmännchen sich hin und herbewegten, schien die Tänzer, kamen sie ihm zu nahe, zu zerstäuben; die Relationen von Zeit und Raum lösten sich auf – zugunsten einer neuen Dimension, die nicht mehr die unsrige war. Und schon damals, 1999, wurde dieses Stück nicht nur als ‚Alterswerk’ interpretiert, sondern als vollkommener Ausdruck des Wissens um die eigene Sterblichkeit. Erst jetzt, zehn Jahre später, ist diese Ahnung Wirklichkeit geworden. Merce Cunningham ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Nicht viele Künstler werden bereits zu Lebzeiten zum Mythos. Der amerikanische Choreograf war einer davon – und das lag nicht nur an seinem biblischen Alter, sondern eben an der Fähigkeit, über sechzig Jahre lang atemberaubende Stücke zu schaffen. Cunningham, den man schon seit Jahrzehnten als freundlichen, weißhaarigen, zerbrechlichen und nichts destotrotz auratischen alten Herren am Krückstock kannte, hat Tanzgeschichte geschrieben und sowohl Wahrnehmung als auch Wissen über das, was auf der Bühne mit dem Körper möglich ist, völlig neu gestaltet. Nicht einen eigenen Stil hat er geschaffen, sondern eine spezifische tänzerische Sprache, und seine Methode, Ideen zu Schöpfungen werden zu lassen, immer und immer wieder erneuert. ‚My work has always been in process’, schrieb er vor mehr als zehn Jahren und es ist dieses stetige Weiterentwickeln von Techniken des Tanzes, die ihn zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Choreografen des 20. Jahrhunderts gemacht hat.

Der 1919 in Amerika geborene Cunningham erhielt seine Tanzausbildung in der Cornish School of Performing and Visual Arts in Seattle. Mit zwanzig Jahren wurde der hoch gewachsene, feingliedrige Tänzer Mitglied der Martha Graham Dance Company und ging mit Graham nach New York – doch hat sich weder Prägung noch die lange Zusammenarbeit mit der Ikone des amerikanischen modern dance je in seinem Werk niedergeschlagen. Im Gegenteil – wo es Graham um den expressiven Ausdruck von Emotionen durch eine spannungsreiche, aber auch schroffe Bewegungssprache ging, stand für Cunningham die Bewegung an und für sich im Zentrum des Interesses, der ‚Tanz um des Tanzens willen’. Tanz sollte weder zum Ausdruck von Gefühlen noch als dramatisches Mittel zum Erzählen von Geschichten eingesetzt werden. Nicht einmal Stimmungen oder Atmosphären wollte der Choreograf mit dem Tanz übertragen, stattdessen ging es ihm allein darum, Bewegung in Zeit und Raum zu gestalten.

Dabei hat Cunningham seine Stücke stets in Stille kreiert, unabhängig von musikalischen Vorlagen oder Begleitungen. Die Musik kam oft erst bei der Aufführung hinzu, Musik und Tanz beginnen und enden zur gleichen Zeit, ihr Zusammenkommen in diesem Rahmen aber ist zufällig – der Tanz existiert inmitten und doch neben der Musik. Die Idee der Koexistenz beider Künste hat ihren Ursprung in der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten John Cage – seit den ersten Kontakten in den fünfziger Jahren waren Choreograf und Komponist sich einig in der Überzeugung, keine der beiden Gattungen sollte die andere dominieren.

Eine Loslösung von der Hierarchie der Künste spiegelte sich seit dieser Zeit im Werk Cunninghams: Nicht nur die Gleichbehandlung der Gattungen, auch das Zufallsprinzip (‚Aleatorik’) und die Aufhebung der Zentralperspektive haben in seinen Produktionen ihre vollendete Realisierung gefunden. Berühmt ist Cunninghams Methode, choreographische Sequenzen auszuwürfeln: Welche Bewegung wann ausgeführt wird, wie viele Schläge sie zählt, ja sogar welcher Tänzer sie ausführt, entscheidet der Fall der Münze – nicht der Choreograf.

Dass ein Künstler mit derartigem, jahrzehntelangen Erfolg, mit dem Geschenk unzähliger inspirierender Künstlerfreundschaften – nicht nur John Cage, auch Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Frank Stella und Andy Warhol gehörten zu Weggefährten – mit fast siebzig Jahren noch einmal einem ganz neuen Medium zuwendet – auch das ist in seiner Lust auf Erneuerung und Erweiterung von Möglichkeiten einzigartig. Zu Beginn der neunziger Jahre wandte sich Cunningham der Computertechnik zu – die er auf der Bühne einsetzte, aber auch für das Training seiner Tänzer. Mit dem eigens für ihn entwickelten Computerprogramm ‚Life-Forms’ konnte er die Figuren auf dem Bildschirm sich beliebig bewegen lassen – und alles choreographieren, was im normalen menschlichen Bewegungsplan nicht vorkommt.

Kraft und extreme Beweglichkeit befähigt die Mitglieder seiner 15-köpfigen Kompanie, auf die ständigen Richtungs-, Linien- und Rhythmuswechsel seiner jüngeren Choreografien zu reagieren. Dass sie es stets geschafft haben, die artifiziellen Schwünge, Drehungen und Sprünge der künstlich generierten Figuren auf der Bühne auszuführen, ohne dabei ihre Menschlichkeit zu leugnen, sondern – im Gegenteil – in eben dieser Menschlichkeit ganz und gar sichtbar zu werden – macht das Spätwerk Cunninghams zu Demonstrationen der Unersetzlichkeit des menschlichen Tänzers – und des klugen Choreografen.

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