Kultur : Tanz mit dem Teufel

Zwischen allen Stühlen: „Monster’s Ball“ mit Halle Berry

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Von Jan Schulz-Ojala

Erinnern wir uns an graue Vorzeit, Berlin, früher Februar 2002, jene schönen Tage des Countdowns, in denen sich der Filmsüchtige auf „seine“ Berlinale vorbereitet. Damals galt „Monster’s Ball“ zunächst als kleiner Film eines Außenseiters. Regisseur Marc Forster? Nie gehört von dem 32-jährigen Jung-Amerikaner mit deutsch-schweizerischen Wurzeln, der vor „Monster’s Ball“ gerade mal einen richtigen Spielfilm gedreht hatte – die Geschichte einer verzweifelten Frau, der das Baby wegstirbt. Halle Berry? Nicht wirklich gehört von dieser Schauspielerin im feinen Kunstfilmbusiness– na gut, die Filmografie verzeichnete immerhin Nebenrollen in Spike Lees „Jungle Fever“ und „Bulworth“ von Warren Beatty. Allein Billy Bob Thornton überzeugte viele damals, sich „Monster’s Ball“ im Festivalkalender denn doch dick anzustreichen.

Heute wissen wir mehr. Wir wissen nicht nur, dass Halle sich wie der „Halley“-sche Komet ausspricht, wie „Die Welt“ alsbald hilfreich anmerkte. Pflichtschuldigst speichern wir seither im neueren Bildungsschatz , dass eben diese Halle – nach Jennifer Lopez, aber vor Angelina Jolie, Penelope Cruz und Cameron Diaz – die zweitschönste Frau der Welt oder wenigstens die zweitschönste Amerikanerin sei. Vor allem aber wissen wir, dass Halle Berry, Tochter einer weißen Krankenschwester und eines früh verdufteten schwarzen Alkoholikers, nach ihrem Silbernen Bären für „Monster’s Ball“ als erste Afroamerikanerin überhaupt den Oscar für eine Hauptrolle bekommen hat: Triumph, Olymp, Filmgeschichte.

Nun also kommt der mittlerweile legendäre „Monster’s Ball“ ins Kino, der Film eines eben noch No--Regisseurs, der demnächst ein Werk namens „Neverland“ mit den Weltstars Johnny Depp und Kate Winslet dreht. Und man darf annehmen, dass das Budget nicht mehr bei lumpigen fünf Millionen Dollar liegt und dass die Schauspieler sich nicht mehr mit Mini-Gagen und, immerhin, Gewinnbeteiligung zufrieden geben. Das Tor zum Ruhm ist auch für Forster, der einst mit „Monster’s Ball“ ein in Hollywood ewig hin- und hergeschobenes Drehbuch endlich verwirklichte, weit aufgestoßen - ach was, er ist, jung und elastisch, längst durch selbiges hindurchgeschritten.

Trotzdem: Riskieren wir den Gang durchs Fegefeuer. „Monster’s Ball“ ist kein guter Film. Er hat beträchtliche visuelle Qualitäten und Reize, aber so wie jede Einstellung und jede Dialogpartikel partout mit drei Ausrufezeichen etwas bedeuten will, so ist das ganze Drehbuch so holzschnittartig auf die ebenso plötzliche wie tiefe Wandlung eines Finsterlings zum Guten bedacht, dass einem ganz südmittelweststaatlich presbyterianisch zumute werden will. Und auch Halle Berry ist – hierbei sei jeglicher Vorwurf des Rassismus oder Sexismus schon mal strikt zurückgewiesen – fraglos eine schöne Frau, jedoch allenfalls eine mittelprächtige Schauspielerin.

Wir sind in Georgia, wo junge schwarze Kids schon mal mit dem Gewehr von grünen Rasengrundstücken vertrieben werden. Wir sind in der Welt des Rassisten und Oberhenkers Hank, der seinen Sohn Sonny (Heath Ledger), Dienstmann im Todestrakt wie er, in den Selbstmord treibt, nur weil er ihm die menschliche Wärme gegenüber einem schwarzen Todeskandidaten (Sean Combs) nicht verzeihen kann. Am Vorabend der Hinrichtung, den man in England „Monster’s Ball“ nennt, macht der Todgeweihte zwei Zeichnungen von Vater und Sohn – und an diesen beiden Zeichnungen erkennt eines späteren Tages die Witwe des Hingerichteten, mit wem sie sich in ihrer ganzen Verlassenheit eingelassen hat: mit keinem anderem als dem Henker selbst.

Wie finden der Rassist und Frauenfeind und die schwarze Frau zusammen - mehr noch, wie können sie auf eine gemeinsame Zukunft hoffen? Nun, das Drehbuch räumt die zahlreichen Hindernisse mit kühner Zielstrebigkeit aus dem Weg. Zunächst quittiert Hank den Job, als er sich die Schuld am Selbstmord seines Sohnes eingesteht. Dann verliert Witwe Leticia (Halle Berry) ihr schrottreifes Auto, weshalb sie mit ihrem sehr dicken Sohn allnächtlich im Regen über die Landstraße heimwärts läuft, wobei der Sohn prompt von einem Auto angefahren wird, weshalb der zufällig vorbeifahrende Hank beide ins Krankenhaus fährt, wo Laeticias Sohn wiederum prompt verstirbt, weshalb der einsame Hank die trauernde Mutter nach Hause bringt und tröstet und getröstet wird, bald auch sexuell. Und wie kommt Leticia in Hanks Haus? Nun, hierfür trifft es sich, dass einerseits sie soeben zwangsgeräumt wird, als Hank seinen Oberrassisten von asthmatischem Vater eines Tages kurzerhand ins Altersheim schafft. Schon ist der Weg zu einem den Umständen entsprechend melancholischen Happyend frei geworden.

Zuviel verraten, die ganzen geradezu altgriechisch Schlag auf Schlag eintretenden Schicksalfügungen ausgeplaudert, Baby? Es ist der Zuschauer selbst, der sich, hat er erst einmal das Rezept der größten notwendigen Unwahrscheinlichkeit begriffen, die nächste Szene immer schon vorab im Kopf illuminiert. So gesehen, kann man an diesem Film der unbestritten sorgsamst ins Szene gesetzen Bilder und Situationen durchaus ein grimmiges Vergnügen haben.

Und wegen einer Szene, einer einzigen lohnt sich denn alles doch. Es ist nicht die Sexszene, von der wir wissen, dass sie für den amerikanischen Markt um ein paar Grad und Dezibel abgekühlt wurde; sie ist in ihrer Eruptivität sicher atemberaubend, auch wenn die allzu absichtsvoll auf manche Saallautsprecher übertragenen Genusslaute Leticias das sensible Ohr schon wieder stören mögen. Es ist die Szene, die ihr unmittelbar vorangeht. Hank und Leticia sitzen in Leticias Abbruchhalde, und sie reden und trinken und reden mit jener Wahllosigkeit, die den Sturz in den Sex ankündigt. In dieser Szene (am besten in der Originalfassung zu hören) riskiert Halle Berry, die sich sonst eher elegisch verweint durch den Film bewegt, das Schauspielen - und in einigen großartigen Zehntelsekunden kann man in Billy Bob Thorntons Gesicht all das lesen, was ein Mann so zu verbergen sucht, wenn er sich ganz weich und sanft für seine Beute macht. Pardon, ich vergaß: Es geht um Liebe.

Babylon (OmU), CineStar im Sony-Center (OV), Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei

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