Kultur : Tanz oder gar nicht

Festival „Movimentos“: Volkswagen macht der Kultur in Wolfsburg Beine

Frederik Hanssen

Die ICE-Trasse teilt Wolfsburg in zwei Hälften: Nördlich der Bahngleise erstreckt sich die „Autostadt“, ein künstliches Paradies, in dem sich die Firmen des VW-Konzerns in eleganten Pavillons präsentieren, eine Ideallandschaft mit Hügeln und Seen, in der keine Abgase verströmen. Südlich des Bahnhofs aber betritt man eine traurige Fußgängerzone, deren leere Schaufenster von Rezession künden. Was der Stadtkern Wolfsburgs sein sollte, wirkt ausgestorben. Drüben in der Autostadt brummt dagegen das Leben: Zwei Millionen Besucher kommen jährlich in den Erlebnispark. Hier gibt es alles: die familienausflugskompatible Natur, Museen, die anhand von Kfz-Geschichte Zeithistorie erzählen, Restaurants, ein Fußballstadion und sogar eine Art Kirche zum weihevollen Empfang eines Neuwagens. Das artifizielle Areal des VW-Konzerns entwickelt sich zu einer Stadt im Staate: Die Autostadt wird autonom. Als Nächstes wird eine Privathochschule Realität, „Auto-Uni“ genannt.

Sollte die Bundesrepublik einmal Pleite gehen, hier wäre der Standort des deutschen San Marino, ein zweites Monaco. Denn selbst die Grundversorgung mit Kultur ist gesichert: 2003 startete man mit Mitteln aus dem Marketingetat das Tanzfestival „Movimentos“. Vier Tanztheater-Formationen von vier Kontinenten traten im einstigen VW-Heizkraftwerk auf. Weil das Publikum die Location stürmte und 50 Prozent der Besucher angereist kam – und damit zu Multiplikatoren des Autostadt-Ruhmes wurden –, floss auch diesmal üppig Geld. Mit dem Balé de Cuidade de Sao Paulo, dem Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, der New Yorker Company von Bill T. Jones und dem Tokyo Ballet lockt der künstlerische Leiter Bernd Kauffmann mit Attraktionen.

Drüben, jenseits der Bahngleise, kann man – abgesehen von dem sehr regen Kunstmuseum – nur neidisch auf die Events blicken: Zwar gibt es am Ende des öden Boulevards ein Stadttheater, 1973 erbaut von Hans Scharoun – doch die feine Hülle dient mangels Finanzmasse lediglich als Zwischenstopp für tingelnde Truppen. Wolfsburg, die Fließbandarbeiter-Stadt, träumt seit vier Jahren davon, eine blühende Landschaft zu werden wie Wolfsburg, die Autostadt. Es war eine Idee aus dem Rathaus, zur Einführung des neuen Golfs die Kommune temporär in „Golfsburg“ umzubenennen, und auch das Projekt des Science Centers „Phaeno“, das die Architektin Zaha Hadid bis Ende 2005 errichten soll, segelt deutlich im Windschatten der Autostadt. Phaeno und Phaeton, ein harmonischer Aufschwungs-Zweiklang?

Vorerst jedoch wenden sich alle Köpfe nach rechts, wenn der ICE den Wolfsburger Bahnhof erreicht. Die Schornsteine des gewaltigen Backstein-Kolosses machen das Kraftwerk zum Hingucker, im Inneren kann die Halle durchaus mit der Bochumer Jahrhunderthalle mithalten. Und in den Ticketpreisen von acht bis 35 Euro ist die Klimaanlage selbstverständlich inbegriffen. Die funktionierte am Eröffnungsabend ebenso reibungslos wie der Service. Überhaupt ist in der Autostadt alles durchgestyled, das Logo, ein stilisierter VW-Käfer, taucht selbst noch auf den Schuhen der Hostessen auf.

Manchem mag das artifiziell erscheinen. Allerdings passt ein Tanzfestival zum Image: Ein gehöriges Maß an Künstlichkeit wohnt selbst so lebensprallen Performances wie denen des Balé de Cuidade de Sao Paulo inne: In der interessantesten Arbeit, Sandro Borellis „Lac“, gönnen sich Andrea Thomioka und Gustavo Lopes zu „Schwanensee“-Musikfetzen einen ironischen Blick auf den tierischen Ernst des Tschaikowsky-Klassikers, wenn sie flügelschlagend und tapsig im Stadium des hässlichen Entleins verharren. Im Übrigen beeindrucken die Tänzer vor allem durch ihre Lebensfreude, wenn sie sich in die mit Ethno-Musik aufgepeppten Gruppen-Choreografien stürzen. Mit Avantgarde hat das wenig zu tun. Muss es auch nicht. „Bewegung in Vollendung“ zu zeigen, ist das Ziel dieses Festivals, das als Image-Maßnahme eines Konzerns geboren wurde, der seinen Kunden die Last der körperlichen Fortbewegung abnimmt. Mit etwas Glück kommt ästhetische Fortbildung dabei heraus. Und die ist Anliegen aller um zeitgemäßes Design bemühten Autokonzerne. Darum wird der Golf auch nicht mit Duftbaum und gehäkeltem Klorollen-Hütchen geliefert.

Bis 31. Mai; mehr Informationen unter www.autostadt.de .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben