Kultur : Tanz-Tausendsassa vor Berlins Toren

CLAUDIA ASSMANN

"Sicher bin ich nervös, Berlin ist eben doch ein big fish - aber auch eine große Herausforderung." Richard Wherlock, derzeit Ballettdirektor in Luzern, wird ab der Spielzeit 1999 und 2000 künstlerischer Leiter und Chefchoreograph des Tanztheaters der Komischen Oper Berlin.Der 40jährige Brite löste damit die Holländer Mark Jonkers und Jan Linkens ab, deren Arbeit in den letzten Monaten zunehmend ins Feuer der Kritik geriet.So sichert die Komische Oper dem hauseigenen Tanztheater das Überleben in einem zukünftigen BerlinBallett, dessen genaue Struktur immer noch im Dunkeln liegt.Wherlock sieht seiner neuen Aufgabe selbstbewußt entgegen: "Ich bin sicher, daß ich die richtige Person für das Haus bin."

Den ersten Kontakt zu Berlin gab es schon 1987, als Wherlock im Theater des Westens mit Hildegard Knef und Helen Schneider in Cabaret auf der Bühne stand.Doch dies war nur ein kurzer Ausflug an die Spree.Nach seinem langjährigen Engagement als Tänzer bei Jochen Ulrichs Tanz Forum Köln gründete er 1991 seine erste, bald sehr beliebte, Kompanie in Hagen.Als er 1996 die Stadt in Richtung Luzern verließ, hatten seine Ballettabende eine Auslastung von bis zu 98 Prozent.Von soetwas kann die Komische Oper derzeit nur träumen.Gastchoreographien für internationale Stars und Kompanien - er arbeitete unter anderem für das Bolschoi Ballett, die Pariser Oper und in Tel Aviv, machen Wherlock zum gefragten und agilen Tausendsassa in Sachen Tanz.Von diesen Kontakten möchte er auch für Berlin profitieren.

Seine Arbeit mit Marie-Claude Pietragalla, Startänzerin der Pariser Oper und zukünftige Ballettdirektorin der Kompanie Roland Petits in Marseille, bietet da eventuell eine erste Möglichkeit."Wir sind im Gespräch über eine enge, zweijährige Kooperation zwischen Berlin und Marseille.Auch der neue Leiter des Théatre des Champs-Elysées, Dominique Meyer, möchte künftig enger mit mir zusammenarbeiten."

Eine seiner Hauptaufgaben sieht Richard Wherlock darin, das Publikum in der Theater zu holen.Wherlock hat keine Berührungsscheu wenn es darum geht, das Publikum zu unterhalten."Entertainment heißt ja nicht zwangsläufig, populistisch zu werden, und gegen Unterhaltung auf hohem Niveau ist nichts einzuwenden".Richard Wherlock holt sich seine Inspiration aus verschiedensten Richtungen, Ausflüge in andere Sparten sind für ihn eher die Regel als die Ausnahme.Die letzte Exkursion dieser Art unternahm er in die Welt des Films, und so gibt er diesen Herbst beim Filmfestival in Venedig sein doppeltes Leinwanddebut: Als Choreograph und Schauspieler in Claude Lelouchs neuestem Film.

Wherlocks sehr musikalische Choreographien sind geprägt von einem schnellen, abwechslungsreichen und energiegeladenen Bewegungsrepertoire, das sich am ehesten als "Zeitgenössisches Ballett" betiteln läßt.Er möchte sich auf keinen Stil festlegen und liebt Experimente.Schuf er vor kurzem noch ausschließlich abstrakte Stücke, so wagt er sich in der nächsten Spielzeit an sein erstes Handlungsballett."Es wird eine neue, sehr moderne und ungewöhnliche ,Fille mal gardéeÔ (eine schlecht behütete Tochter, d.Red.) - natürlich ganz in meinem Stil." Die Tradition der Komischen Oper hält er für ein wichtiges Erbe, in dessen Sinn er sein Repertoire anlegen will."Ein Bruch mit dem Bewährten kommt für mich nicht in Frage, aber ständige Weiterentwicklung ist für mich ein Muß.Bloß keinen Stillstand!"

Wenn Richard Wherlock 1999 nach Berlin kommt, wird er auch einige Tänzer aus der Schweiz nach Berlin holen.Sein Ensemble wird 30 Mitglieder haben.

Welche Tänzer der Komischen Oper er übernehmen wird, soll erst nach einer intensiven Kennenlernphase, auf jeden Fall aber vor seinem Start 1999, entschieden werden.Vor kurzem arbeitete er das erste Mal mit seiner zukünftigen Kompanie, deren hoher Standard und Motivation ihn beeindruckte."Ich möchte mir Zeit nehmen, die Tänzer und ihren Stil kennenzulernen.Jeder soll die Chance bekommen, sich zu präsentieren.Für überstürzte Entscheidungen gibt es keinen Grund, im Gegenteil, das wäre der größte Fehler."

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