Kultur : Tanz um die goldene Gans

Konkurrenz belebt das Geschäft: Warum Berlin den Hauptstadtkulturfonds braucht – und wo seine Grenzen liegen

Christina Tilmann

Ohne die Förderung durch den „Hauptstadtkulturfonds“ hätten wir Ulrich Mühes „Auftrag“ in der Freien Volksbühne nicht bekommen. Kein Schaden, könnte man denken, nach dieser bei Kritik und Publikum gründlich durchgefallenen Heiner-Müller-Beweihräucherung. Dem Hauptstadtkulturfonds war die Produktion der „novapool-artists GmbH“ immerhin 175000 Euro an Fördergeldern wert. Andererseits: Keines der Berliner Theater hatte sich zu Heiner Müllers 75. Geburtstag etwas einfallen lassen. Und dass eine Produktion, die mit Mühe als Regisseur und Schauspielstars wie Christiane Paul, Herbert Knaup, Inge Keller und Udo Samel höchstrangig besetzt war, so katastrophal scheitern würde, konnte man nicht unbedingt vorhersehen.

Ohne den Hauptstadtkulturfonds hätten wir auch manches andere nicht bekommen: Die schöne, kleine „Macbeth“–Inszenierung in der Villa Elisabeth zum Beispiel. Das umjubelte Gastspiel der Truppe Hollandia mit dem „Fall der Götter“ im Hebbel-Theater. Die zum Sommerhit avancierte musikalische Revue „Baden Gehen“ im Grips-Theater. Die einer Wiederentdeckung gleichkommende Ausstellung „Lotte Laserstein“ im Ephraim-Palais. Oder das von Jahr zu Jahr erfolgreichere Literaturfestival.

Seit seiner Gründung vor vier Jahren hat der Hauptstadtkulturfonds das Berliner Kulturleben wesentlich bereichert. 10,2 Millionen Euro jährlich fließen zur Förderung der Hauptstadtkultur nach Berlin. Von Anfang an war der Fonds allerdings auch umstritten – was das Verhältnis zur Berliner Stadtkultur angeht. Entstanden aus der Sorge des damaligen Kulturstaatsministers Michael Naumann, dass das Land Berlin Bundesmittel dazu verwenden könne, eigene Finanzlöcher zu stopfen, sind die Vergabeauflagen streng: nur Projekte, keine Institutionenförderung, und auch nicht öfter als drei Mal hintereinander. Dass die Kuratoren zu Beginn nicht frei in ihren Entscheidungen waren, sondern Rücksicht nehmen mussten auf Vorabentscheidungen wie der Förderung von Peter Steins Mammutunternehmen „Faust“, war ein Anfangsproblem. Inzwischen arbeitet der Fonds eigenständig.

Nun ist er erneut in die Diskussion geraten. Die Entscheidung, die von den Berliner Kunst-Werken geplante RAF-Ausstellung mit 100000 Euro zu fördern, hat zu einer allgemeinen Debatte über die Vergabepraxis der Bundesmittel geführt. Kulturstaatsministerin Christina Weiss wie Kuratorin Adrienne Goehler haben sich gegen eine inhaltliche Einflussnahme, wie von Teilen der Politik, insbesondere der FDP gefordert, verwahrt und die Unabhängigkeit der Kunst betont. Eine finanzielle Kontrolle über die Verwendung der Mittel, so Goehler, finde jedoch durchaus statt.

Die größere Frage aber ist jedoch die nach dem Verhältnis zwischen dem Fonds und Berlíns Kulturinstitutionen. Sie stellt sich erneut, wenn man die jüngsten Förderentscheidungen betrachtet. Star-Choreograf William Forsythe, gerade in Frankfurt schmählich fallen gelassen, soll, so das Kuratorium, mit 1,5 Millionen Euro nach Berlin gelockt werden, um im Zusammenspiel mit Sasha Waltz von der Schaubühne und Vladimir Malakhov von der Staatsoper der hauptstädtischen Tanzszene wieder auf die Beine zu helfen. Inwieweit Forsythes Engagement mit der frisch gegründeten Opernstiftung verknüpft werde, ließ Berlins Kultursenator Thomas Flierl offen. Er könne sich Forsythes Aktivitäten auch außerhalb dieser Struktur und der Opernhäuser vorstellen.

Eine glückliche Entscheidung: Wie sehr in Berlin eine künstlerische Position vom Format eines Forsythe fehlt, war zuletzt bei seinem umjubelten Gastspiel im Rahmen der Festwochen zu erleben. Und doch hat eine solche Entscheidung Folgen für die Institutionen der Stadt. Schon jammern Sasha Waltz und Jochen Sandig darüber, dass sie selbst vom Hauptstadtkulturfonds nur 100000 Euro bekommen sollen.

Dass die Schaubühne selbst nicht in der Lage ist, ihrer Tanz-Compagnie, die längst in aller Welt hofiert wird, eine vernünftige Grundausstattung zu gewährleisten, ist die eine Sache. Dass der Hauptstadtkulturfonds nicht für die Versäumnisse der Berliner Kultur- und Sparpolitik einstehen kann, ist das andere. Sollte er nur die Rolle des inzwischen nicht mehr für Kulturprojekte offenen Lottotopfes übernehmen und die Stadt entlasten, haben sich Michael Naumanns Sorgen bestätigt. Nur wenn die geförderten Projekte eine ernstzunehmende Konkurrenz gegenüber den Institutionen sind und Berlin damit zu mehr Investitionen veranlassen, ist der Hauptstadtkulturfonds ein sinnvolles Instrument der Kulturpolitik.

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