Kultur : Tanz unterm Küchentisch

SANDRA LUZINA

Het Hans Hof Ensemble in den Berliner sophiensälenVON SANDRA LUZINADer Tanz erlebt im April ein saisonales Hoch.Zu Beginn eines bewegten Monats lud das Amsterdamer Hans Hof Ensemble in den sophiensälen in seine Wohnküchen-Idylle.Die sophiensäle werden ihre Zusammearbeit mit dem Grand Theatre Groningen vertiefen und verstärkt Koproduktionen der nordholländischen Spielstätte präsentieren.Bei dem Amsterdamer Choreographen-Kollektiv fallen Ähnlichkeiten zu Sasha Waltz ins Auge.Ihr Küchenstück "Twenty to eight" diente offensichtlich als Vorbild für die Produktion "In Antwort auf Ihr Schreiben".Auch hier siedelt sich der Tanz im Alltäglichen, in einem konkreten Raum an. Durch ein Schlupfloch hangeln sich die vier Akteure in ihr trautes Heim - für den Rückzug ins Private bedarf es einiger Kletterkünste.Zu Bachmusik versammeln sich die Hausgenossen zu gemeinsamen Mahlzeiten.Alltagsrituale werden ausgestellt, doch so richtig ad absurdum geführt werden sie nicht.Abläufe wiederholen sich mit eiserner Zwangsläufigkeit, die Akteure erscheinen als Sklaven einer selbstgeschaffenen Haus-Ordnung.Zwar wird das Mobiliar häufig verrückt, die Ordnung bekommt kleine Risse, ohne daß sie aus den Fugen gerät.Wie eine weiße Tischdecke liegen fade Routine und gedämpfte Trübsal über dem Geschehen, darunter brodelt es nicht.Emotionen köcheln auf kleiner Flamme.Wo unterdrückte Gefühle und heimliche Sehnsüchte sich offenbaren, da nur in verkümmerter Gestalt. Das Heimelige wird nicht auf groteske Weise unheimlich, das Gemütliche verkehrt sich nicht ins Beklemmend-Terroristische, sondern in die harmlose Lächerlichkeit.Gelegentlich lockert sich der Zwang, dann kugeln die Hausgenossen über und unter dem Tisch, kuscheln sich aneinander.Die Versuche, aus dem Alltagseinerlei auszubrechen, muten aber erst recht betrüblich an.Wenn aus der Musiktruhe alte Schlager erklingen, dann ist statt ausgelassener Fröhlichkeit nur albernes Gehüpfe zu sehen.Wo ansonsten nur Dosenfisch verabreicht wird, wird einmal ein erotisch-kulinarisches Festmahl kredenzt, da dürfen süße Früchte vernascht, cremige Milch von Schenkeln geleckt werden.Doch die Wohnstube wird nicht zum Schlaraffenland.Die befreite Sinnlickeit läßt auf sich warten.Da mag die Frau sich mächtig ins Zeug legen, zu orientalischen Klängen auf dem Tisch tanzen.Die Männer scheinen zu Haustieren domestiziert, die lieber zum Strickzeug greifen.Ihren mächtig gestauten Drang reagieren sie dann unter lautem Geklapper an Besteckkästen und sonstigem Küchenmobiliar ab.Sex mit dem Tischbein - das schafft wenigstens keine Probleme.Solch eine drastische Komik findet sich selten an diesem Abend, der doch recht gemütlich und gemächlich daherkommt. Zuletzt soll noch gezeigt werden, daß die heimelige Wohnküche ein Nährboden für Fremdenfeindlichkeit ist - doch diese Szene wirkt nur plakativ, zumal der Biedersinn sonst keineswegs als Brutalität demaskiert wird.Het Hans Hof Ensemble will die Verkrüppelungen und Verkümmerungen hinter dem Alltäglich-Gewohnten bloßlegen, doch der Truppe mangelt es an Radikalität - und auch an szenischer Phantasie.So verfällt die Truppe der dargestellten Harmlosigkeit. Weitere Vorstellunge bis zum 5.April jeweils 21 Uhr in den sophiensälen

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