Kultur : Tanzen, hüpfen, Männerrücken

„Shanghai Beauty“ im Haus der Kulturen

Sandra Luzina

Zuerst sieht man nur das ungeschminkte Gesicht von Jin Xing, Chinas transsexuellem Tanzstar. Im Zeitraffer zeigt das Video dann ihre Verwandlung in eine Kunstfigur mit dunklen Mandelaugen und Kirschmund. Sie wird aufwändig hergestellt, diese traditionelle Kunst-Schönheit à la Peking-Oper. Zugleich konterkarieren die Tänzer in „Shanghai Beauty“ aber auch das China-Klischee.

Das Stück bildet den Auftakt einer Performance-Reihe im Haus der Kulturen der Welt, eines Dialogs „Über Schönheit“ zwischen deutschen und asiatischen Choreografen. Für das Auftragswerk ist die Berliner Tanzcompagnie Rubato nach Shanghai gereist, um mit Jin Xings Dance Theatre, einer privaten Tanzkompanie, zusammenzuarbeiten. In der Boomtown existieren Kommunismus und Kapitalismus nebeneinander, mit der Öffnung zum Westen haben sich auch die Schönheitsideale auf rasante Weise gewandelt. In „Shanghai Beauty“ prallen denn auch westliche und östliche Tanzidiome aufeinander. Rubato zeigen sich – wie derzeit viele westliche Choreografen – fasziniert vom harmonischen Fließen und der Energie asiatischer Bewegungskunst. Gleichzeitig übertragen sie westliches Bewegungsmaterial auf die chinesischen Körper, das ihnen sichtlich fremd ist. Man betrachtet den Tanz und seine Schönheitskonzepte durch eine zweifache Brille – mit verblüffendem Effekt.

Rubato verlegen sich auf eine doppelte Strategie. Sie lassen sich von der Schönheit verführen – und misstrauen jedem Versuch, sie in eine Form zu pressen. Statt vollendet durchgeformter Bewegungen zeigen sie schlaksige Motionen. Zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ wird fröhlich drauflos gehüpft – das ist selbst für Westler gewöhnungsbedürftig. Die Tänzer treten meist als Gruppe auf, uniform gekleidet, im schwarzen Anzug oder in langen Kleidern. Manchmal löst sich einer aus der Gruppe heraus: Individualität blitzt auf. Es sind verführerische Momente: Eine Frau im roten Schlitzkleid schreitet elegant über die Rücken der Männer. Eine Schöne im roten BH lässt in einsamer Ekstase die Bewegungn wellenförmig durch ihren Körper rollen. „Shanghai Beauty“ hat viele Gesichter: Und auch wenn die Tradition freundlich verabschiedet wird: Das majestätische Finale von Jin Xing mit prächtiger Robe ist ein Ereignis.

Fortgesetzt wird die Reihe von Susanne Linke, die auf die Butho-Tänzerin Yumiko Yoshioka trifft (11./12.4). Und Rubato selbst überträgt in „Eidos/Tao“ Material des verstorbenen Choreografen Gerhard Bohner auf den chinesischen Tanz. (15./16.4.)

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