Kultur : Tanzen im karierten Beat Madness begeistern

in der Zitadelle

H.P. Daniels

Mit Bier und Wurst in Stimmung gebracht, wimmeln kurz vor halb zehn alle vor der Bühne. Weiße Hemden, schwarze Schlipse, T-Shirts mit Schachbrettmustern, kurze Jacken mit rot kariertem Futter, Batschkapp auf dem Kopf, Two-Tone-Schuhe an den Füßen. Junge, Alte, Mittlere, Schrille und ganz Normale. Auch auf der Bühne Gewusel, dunkle Anzüge, Bürstenhaarschnitte, Sonnenbrillen. Lustig großmäulige Ansage: „Thiiiis iiiis the heavy heavy monster sound of Maaad-ness!“ Und schon wackelt und schuckelt es oben und unten, tröten zwei Trompeten, Posaune und ein Tenorsaxophon zu Bass, Schlagzeug, Orgel. So fängt es immer an, mit dem ersten Song vom ersten Album: „One Step Beyond.“ So hatte es schon vor dreißig Jahren angefangen, als Madness 1979 aus dem Londoner Stadtteil Camden Town auszogen, um neben den Specials zur treibenden Kraft des britischen Ska-Revivals zu werden, dieser erregenden Musik der sechziger Jahre aus Jamaika, deren nervöser, rhythmischer Akzent munter aus dem Offbeat hüpft – Hochgeschwindigkeits-Polka, zu der es sich so schön wild tanzen lässt. Das Gestenrepertoire ist auch nach all den Jahren unerschöpflich: Zuckende Bewegungen, Wedeln mit den Armen, Rennen auf der Stelle. Der „Nutty Dance“ der „Nutty Boys“. Ein bisschen Beklopptsein, das ist noch immer bei vollem Bewusstsein ein großer Spaß.

Keyboarder Mike Barson trägt ein Schweinepastetenhütchen, Gitarrist Chris Foreman zur weißen Gibson- Les-Paul einen Bowler-Hut. Ein ausgelassener Fan drückt seiner Freundin die Stirn gegen den Bauch und schiebt die Kichernde rückwärts durchs Gedränge. Die alte Spandauer Festung wabert, wippt, wogt und tanzt. Obwohl Madness heute gar nicht mehr ihrem exzessiv-fröhlichen Tanzstil von früher frönen. Inzwischen sind sie ja auch etwas älter geworden, erwachsener, ruhiger, runder.

Schon 1982 hatten sie den reinen „Nutty-Ska-Sound“ ihrer Gründerjahre verändert in Richtung einer eingängigeren Popmusik. Mit einer endlosen Reihe von Hit-Singles wurden sie neben The Jam zur populärsten englischen Band der Achtziger. Bis zu ihrer Auflösung 1986. Heute können die 1992 wiedervereinigten Madness all ihre musikalischen Wurzeln sehr schön und abwechlungsreich ineinander verschlingen: die erste Single von 1979, „The Prince“, die Huldigung an ihr frühestes Vorbild, den jamaikanischen Ska-Musiker Prince Buster, und die ganz neuen Songs vom erstaunlich frischen, gerade erschienenen neunten Album „The Liberty Of Norton Folgate“.

Niemand verbindet so zwanglos englischen „Working-Class-Spirit“ mit Cockney-Akkzent und Melodien, die immer ein bisschen nach den sechziger Jahren klingen. Nach den guten, alten Kinks, an die auch die Sozialkommentare der Texte gemahnen mit ihrer melancholischen Sympathie für die einfachen Leute und wehmütigen Erinnerungen an frühere Zeiten. Zwischendrin auch mal ein bisschen routiniert abgewichst britisches Entertainment à la Ferienbadeort-Unterhaltung. Aber man amüsiert sich prächtig. Ganz besonders gegen Ende mit den Hits: „House Of Fun“, „Our House“, „It Must Be Love“. Große Tanzsause. H.P. Daniels

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