Kultur : Tanzen und Teller waschen

SANDRA LUZINA

Risiken und Verheißungen des Neuanfangs ruhen auf seinen Schultern: der Fünf-Jahres-Vertrag ist unterschrieben, ab der nächsten Spielzeit wird Richard Wherlock Chefchoreograph des Tanztheaters der Komischen Oper.Der derzeitige Leiter des Balletts Luzern wird damit den ersten Schritt in Richtung auf das geplante Berlin-Ballett unternehmen.Als der Ruf nach Berlin kam, habe er keine Sekunde gezögert, obwohl ihm andere attraktive Angebote vorlagen, erzählt der Brite beim Wein in einem Cafe Unter den Linden.

Ein anstrengender Tag der Verhandlungen liegt hinter ihm, doch sobald er vom Tanz spricht, ist sein Enthusiasmus, seine unbändige Energie zu spüren.Berlin ist für ihn Herausforderung, Abenteuer.Berlin markiert aber auch den Karrieresprung: "Ich komme allerdings nicht blauäugig und unvorbereitet nach Berlin," versichert Wherlock.An der Komischen Oper, wo er eine krisenhafte Situation antrifft, will er nichts übers Knie brechen.In der ersten Spielzeit wird er sich noch nicht mit einer neuen Choreographie vorstellen, sondern drei seiner Repertoire-Stücke zeigen.Als ehemaliger Koch wisse er um die Kunst, ein gutes Menü zu kreieren, sagt der passionierte Zopfträger, und verspricht Abwechslung, Vielfalt und Unterhaltung auf hohen Niveau.Entertainment und Erziehung des Publikums gingen bei ihm Hand in Hand - und der Erfolg hat ihm bislang recht gegeben.Das musikalische Spektrum macht deutlich, was die Berliner erwartet: von Vivaldi über Strauss bis zu irischer Folkmusik, Klezmermusik und sogar Country & Western bewegt sich der britische Choreograph durch alle Genres.

Nach 12 Jahren des Choreographierens habe er nun seine Handschrift entwickelt, glaubt Wherlock, der seine Ballette als energiegeladen und physisch sehr fordernd beschreibt.Stilistisch mag er sich aber nicht festlegen, er begreift sich als zeitgenössischer Choreograph mit klassischer Grundlage, verwendet gern Elemente des Folk und Street Dance, hat aber auch keine Scheu, ein Handlungsballett zu machen.Was der Brite tut, das tut er jedenfalls auf seine Art."My way" könnte sein Motto lauten.Denn Richard Wherlock kennt auch das Leben außerhalb der Ballettstudios: Seine ungewöhnliche Karriere klingt ein wenig nach Roman: vom Tellerwäscher zum Ballettdirektor.

Schon früh erwachte in dem Anwaltssohn die Liebe zum Theater.Vor lauter künstlerischer Aspirationen schmiß der junge Rebell die Schule hin.In Frankreich hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser (auch als Tellerwäscher!), hier wurde er auch zum Koch ausgebildet.Nach Paris kam Wherlock der Liebe wegen - und da die Angebetete ein Tänzerin war, verschlug es auch den 18-jährigen in eine Ballettklasse."Wow, da waren 30 Girls!" erinnert er sich mit leuchtenden Augen.Wenig später tingelte er als Mitglied einer Cabaret-Truppe ("Ich und 7 Girls!") durch Casinos und Nachtclubs in Nordafrika.Einer vietnamesischen Striptease-Tänzerin folgte er nach Haifa.Als er für die Schönheitstänzerin einmal einspringen mußte und wagemutig eine tänzerische Improvisation ("nein, keinen man-strip!") hinlegte, saß ein Tänzer des renommierten Ballet Rambert im Publikum - und der war von seinem Talent überzeugt.An der Ballet Rambert School trainierte er ein Jahr lang wie besessen.Der Choreograph Glen Tetley engagierte ihn vom Fleck weg für eine Produktion, und auch Christoper Bruce fand Gefallen an dem jungen Tänzer.Später wußte das Glückskind am Tanzforum Köln die Gunst der Augenblicks zu nutzen: der als Solotänzer engagierte Engländer avancierte schnell zum festen Choreographen der Truppe.

Als er 1991 als Ballettdirektor nach Hagen ging, hatte Wherlock sich eines vorgenommen: in puncto Platzauslastung wollte er die Operette übertreffen.Keine Frage, Wherlock schaffte sagenhafte 98 Prozent.Das Kunststück gelang ihm dann wieder in Luzern, wo er in drei Jahren ein überwiegend junges Publikum für den Tanz gewinnen konnte.Er sei ein Verfechter des Ensemblegedankens, betont der erfolgsverwöhnte Wherlock, und er halte an der Überzeugung fest, daß eine Ballettcompagnie der Prägung durch einen Choregraphen bedarf.Von seinen Tänzern erwartet er in erster Linie Disziplin - da sei er "old-fashioned"."Blut, Schweiß und Tränen" seien in einem Tänzerleben unvermeidlich, er schätzt es aber auch, wenn seine Leute Spaß an der Arbeit haben.

Freudig und entschlossen, gewappnet mit britischem Humor, blickt er seinem Berlin-Engagement entgegen.Den immensen Anforderungen begegnet er mit Selbstvertrauen und Zuversicht."Ich weiß, wie man Berge erklimmt." Und Wherlock ist sicher, daß er es bis an die Spitze schafft.

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