Kultur : Tanzende T-Träger, berstende Balken

ARCHITEKTUR

Falk Jaeger

Niemand kannte den Australier Glenn Murcutt, der 2002 den Pritzker-Preis – so etwas wie den Nobelpreis für Architektur – überreicht bekam, und viele rätselten, was wohl der 2003 gekürte Däne Jørn Utzon außer der Oper in Sydney Epochales geleistet habe. Dieses Jahr ist die Jury zum Starsystem zurückgekehrt. Zaha Hadid wird am 31. Mai in der St. Petersburger Eremitage Medaille und 100000-Doller-Scheck in Empfang nehmen. Die 1950 in Bagdad geborene und seit vielen Jahren in London lebende Architektin ist die erste Frau und zugleich die jüngste Preisträgerin dieser renommierten Auszeichnung.

Dabei sah es anfangs nicht so aus, als würde die exzentrische Irakerin jemals einen Bauherren für ihre Mikado-Architektur überreden können. Tanzende Wände und fliegende Balken nach dem Vorbild der russischen Konstruktivisten zeichnete sie auf betörend künstlerische Weise. Niemand konnte dem Dekonstruktivismus derart ästhetische und poetische Züge abgewinnen. Mit Konstruktion und Funktion von Architektur hatten die taumelnden Ebenen und berstenden Bauten zwar nichts zu tun, dafür rissen ihr die Sammler die Blätter aus den Händen. Die Diva beschickte Ausstellungen, lehrte an verschiedenen Hochschulen, hielt in aller Welt Vorträge und war und ist die schillerndste Figur des internationalen Architekten-Jetsets. Irgendwann gewann sie einen Bauwettbewerb und auch das Vertrauen des Bauherrn sowie einen leidensfähigen Kontaktarchitekten, der sich in der Lage sah, mit Hadid zusammenzuarbeiten, ihre Gedankenflüge einzufangen und an die Erde zu ketten: 1991-93 entstand das Feuerwehrhaus der Firma Vitra in Weil am Rhein, ein wunderschöner, doch letztlich unbrauchbarer (und längst zur Ausstellungshalle umgewandelter) Bau.

Fortan verzeichnete sie zunehmend internationale Wettbewerbserfolge, die nicht immer in der Realisierungsphase scheiterten. Wurde 1993 ihr Berliner IBA-Beitrag, ein Wohnhaus an der Stresemannstraße, noch arg zurechtgestutzt, so gelang es ihr später, halbwegs baubare Strukturen zu Papier zu bringen, die ohne substanzielle Abstriche realisiert werden konnten. Der Gartenschau-Pavillon in Weil am Rhein (1999), ein Parkhaus in Straßburg (2001) und die Skischanze am Berg Isel in Insbruck (2002) sowie ein Museum für zeitgenössische Kunst im amerikanischen Cincinnati (2003) entstanden. Das Wolfsburger Wissenschaftszentrum „Phaeno“ steht im Rohbau, Museen in Rom, Kopenhagen, Taichung (Taiwan), das BMW-Zentralgebäude in Leipzig, eine Oper in Guangzhou und weitere Projekte sind in Planung.

Die Architekturentwicklung hat Zaha Hadid nicht vorangebracht, doch Bauen als zeitbezogene Bildende Kunst, brauchbar für signifikante Kultur- und Sonderbauwerke, ist ihre Welt. Dafür sei ihr die jetzige Anerkennung zuteil.

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