Tanzplattform Deutschland : Choreografen: Atmen, schwitzen, lachen

Familientreffen der Choreografen: Die freie Szene versammelt sich bei der Tanzplattform in Nürnberg.

Elisabeth Nehring

Da kann man noch so sehr beteuern, es ginge nicht um Leistungsschau – eine Auswahl ist immer eine Auszeichnung, die Erwartungen produziert. Das gilt fürs Berliner Theatertreffen genauso wie für die alle zwei Jahre stattfindende Tanzplattform Deutschland. Weswegen auf diesen Familienfesten, das im Fall des Tanz-Treffens immer auch ein Markplatz ist, eine besondere Aufgeregtheit herrscht, eine Art enervierter Spannung, die sich positiv oder negativ entladen kann.

Elf Stücke sind auf der diesjährigen Tanzplattform in Nürnberg gezeigt worden, Produktionen, die in der sogenannten freien Szene beheimatet sind, fern der institutionalisierten Stadt- oder Staatstheaterstrukturen. Überraschend viele Namen waren erstmals dabei, auch einige aus Berlin, darunter Angela Schubot, die mit dem ehemaligen Constanza-Macras-Tänzer Jarred Gradinger ein beeindruckendes Duett präsentierte.

Zwei Körper, aneinandergeklebt. Löffelchenstellung – im Stehen. Schwere Atemzüge, Keuchen, Hecheln. Fünfzig Minuten lang durchlaufen die beiden in ihrer Bewegungsstudie „What They are instead of“ alle denkbaren Posen und Positionen: Stehen, Sitzen, Liegen, Knien, Hocken, ineinander verschlungen, wie aus einer Lunge atmend. Wie fern- oder zwangsgesteuert bewegen sie sich mit-, neben-, auf-, über-, unter- und durcheinander, reiben, schlagen, pressen ihre Körper aneinander. Das schwere Atmen evoziert vor allem sexuelle, aber auch zärtliche, latent gewalttätige und in jedem Fall komische Momente; ihre Gemeinsamkeit provoziert Erschöpfung. Klar: Der Körper setzt sich aus Fleisch und Blut, Schweiß, Tränen und anderen Sekreten zusammen – er ist kein Kulturprodukt, sondern Naturereignis. Schönheit, Form, Eleganz, diese Kriterien greifen hier nicht. Eher beobachtet man die Antithese zu dem, wohin der Tanz gewöhnlich strebt: weg vom Boden, der Erde, dem Schmutz, der unschönen Leiblichkeit, dem Animalischen.

Während der klassische Tanz seinen körperlichen Ursprung am liebsten verbergen möchte, stellen Schubot und Gradinger gerade diesen aus: Ihre artifizielle Erschöpfung will die eigene Physis spürbar machen. Am Schluss ist man selber ganz ausgelaugt und merkt, es hat Größe und Kraft, wenn einen so ein Duett zu einer derartigen Assimilation veranlasst.

Von den Künstlern der kleinen Formate – Soli, Duetten, Trios –, die mit wenig anderem als sich selbst auf der Bühne auskommen, sind viele eng mit Berlin assoziiert: Martin Nachbar oder Antonia Baehr mit ihren wunderbaren Lachpartituren, mehr Konzert als Tanzstück oder auch das Choreografenduo Wilhelm Groehner mit dem spröden, grotesk-komischen, auch gewalttätigen Trio „Hotel Hassler“.

Als Höhepunkt dieser Kategorie erwies sich die Performance-Reihe „Logobi 1 - 5“, konzipiert von der Theaterregisseurin Monika Gintersdorfer und dem Künstler Knut Claasen: Duette auf leerer Bühne. In unterschiedlichen Zusammensetzungen kommen je ein afrikanischer und ein deutscher Tänzer oder Schauspieler zusammen: zwei Kulturen, Biografien, Ausbildungen, Auffassungen von Tanz. Wie kann man verstehen, was der andere tut? Wie übersetzt man es in die eigene Sprache? Jedes Paar findet andere Lösungen, mit Humor und Selbstironie.

Schauspieler Hauke Heumann weiß zwar das Französisch von Gotta Depri ins Deutsche zu übersetzen, nicht aber dessen Vorführung des spirituellen Tanzes mit einem Huhn in eine eigene Körpersprache. Er versucht es trotzdem. Choreograf Jochen Roller fügt zur Übersetzung des Afrikaners Franck Emond Yao die eigene Perspektive hinzu – und damit noch ein paar MetaEbenen. Sie machen nachdenklich, stimmen heiter: Das ist das Ungewöhnliche an dieser hybriden Kreuzung von Theater und Tanz, Sprache, Bewegung, Unterhaltung und politischem Bewusstsein.

Aufwendigere Produktionen kamen vor allem aus Nordrhein-Westfalen, wobei allein Altmeister und Tanzplattform-Dauergast VA Wölf durch konsequent übersteigerte Künstlichkeit und fast manischen Perfektionismus zu überzeugen wusste. Auch für seine jüngste Produktion „Ich sah: Das Lamm auf dem Berg Zion, Offb. 14,1“ scheint zu gelten: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Doch zitieren Pistolen und eingeblendete Kampfjets weniger die Realität, sie erweisen sich vielmehr als Leitmotive in Wölfs bildmächtigem Kosmos.

Dessen Beispiel machte einmal mehr deutlich, was alles möglich ist, wenn eigenwillige künstlerische Ideen die Chance bekommen, sich auch zu entfalten. Was dem zeitgenössischen Tanz in der Breite fehlt, sind kontinuierliche Produktionsbedingungen, Zeit, Raum und die finanzielle Möglichkeit, aus der kleinen Form größere Formate, aus einem Konzept ein ausgereiftes Stück zu entwickeln. Die Jury hat bewusst nicht auf die Stars der Tanzszene gesetzt – auf Sasha Waltz, Constanza Macras oder William Forsythe – ; sie richtete den Fokus vielmehr darauf, was mit wenig Mitteln möglich ist. So fungierte die Plattform 2010 weniger als Spiegel denn als Brennglas für die Lage des Tanzes in Deutschland.

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