• Tanzstück „Pieces and Elements“ im Hebbel am Ufer: Kettenreaktion in der Zentrifuge

Tanzstück „Pieces and Elements“ im Hebbel am Ufer : Kettenreaktion in der Zentrifuge

Arme und Köpfe, die sich in den Raum und ineinander schrauben: „Pieces and Elements“ von Isabelle Schad zelebriert eine faszinierende und unheimliche Körpersprache des Kollektivs.

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Die Körper als Kollektiv. Isabelle Schads neue Inszenierung stützt sich auf Ideen des Aikido und des Body-Mind-Centering.
Die Körper als Kollektiv. Isabelle Schads neue Inszenierung stützt sich auf Ideen des Aikido und des Body-Mind-Centering.Foto: Hebbel am Ufer

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft lässt sich derzeit bei vielen Choreografen beobachten. Isabelle Schad nimmt für sich in Anspruch, mit Techniken der Gemeinschaftsbildung zu arbeiten. In ihrem Gruppenstück „Collective Jumps“ sah man vor zwei Jahren 16 Tänzer, die ihre Glieder zu komplexen Mustern verketten – der Einzelne war hier fest eingebunden in das Kollektiv.

Mit „Pieces and Elements“ präsentiert Schad nun den zweiten Teil ihrer Trilogie über „Kollektivkörper“ – ein Begriff, bei dem manche sofort an Gruppenzwang denken. In „Pieces and Elements“ sollen sich zwölf Performer zu einem größeren Ganzen verbinden, aber zunächst sieht man eine Gruppe, in der die Einzelnen deutlich hervortreten. Die Choreografin befolgt einen egalitären Ansatz: Alle führen dieselben Bewegungen aus – die Arme über den Kopf verschränkt, schrauben sie sich nach rechts und links wie in einer Zentrifuge.

Durch die kleinen zeitlichen und räumlichen Verschiebungen entsteht hier eine polyphone Vielgestaltigkeit. Das hat etwas von Zeichnen im Raum. Vom Zwang zur Uniformität ist jedenfalls nichts zu spüren. Später arbeitet Schad wie eine Malerin. Durch die schwarze Kleidung werden manche Körperteile unsichtbar, dafür werden die nackten Unterarme oder Unterschenkel betont. Wenn die Tänzer sich in einer Kettenreaktion an den Armen greifen, entsteht der Eindruck: Alle ziehen hier an einem Strang.

Spannendes Konzept, Hang zum Dogmatischen

Der Abend erinnert an ein Lied von Stereo Total: „Schön von hinten“. Schad zeigt nämlich mit Vorliebe die Rückansicht der Tänzer. Eine nackte Frau wird so hindrapiert, dass sie an die Venus von Velázquez erinnert. Doch solche kunsthistorischen Reminiszenzen werden schnell wieder weggewischt. „Pieces and Elements“ zeigt ein permanentes Umordnen und Zergliedern der Körper. Schad gelingen faszinierende Bilder, doch manchmal erscheinen die Tänzer wie bloßes Material in den Händen der Choreografin. Am Ende vollführen die unbekleideten Performer vornübergebeugt eine Wippsequenz, die man schon aus Schads Solo „Der Bau“ kennt und die völlig entpersonalisiert wirkt.

Die Choreografin hat ein Bewegungsidiom entwickelt, das auf Körperpraktiken wie Aikido oder Body-Mind-Centering basiert. Doch sie tendiert hier zum Dogmatischen. Beim Schlussbild stellt sich die Frage, ob man wirklich ein Teil dieser Gruppe sein möchte.

HAU 2, wieder am So 27.11., 17 Uhr und Mo 28.11., 19 Uhr

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