Tanztage Berlin : Die Grazie des Seelöwen

Liebes-Utopie und ein schwebendes Pappherz: Choreografien von Ania Nowak und Karth Schaffer bei den Tanztagen Berlin

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Szene aus "An Animal went out" von Kareth Schaffer
Szene aus "An Animal went out" von Kareth SchafferFoto: Marius Mailänder

Bei den Tanztagen Berlin wurde nun die Zeit der Zärtlichkeit ausgerufen. Der Dreier, der sich in Ania Nowaks „Offering what we don’t have to those who don’t want it“ miteinander vergnügt, ist freilich exklusiv weiblich. Bevor die jungen Frauen Berührungen austauschen, widmen sie sich einer nostalgischen Kunst: dem Liebesbrief. Die Korrespondenz eines weiblichen Liebessubjekts lässt bald ein Drama erahnen. Die Herzdame, so die Klage, hecke ständig neue Projekte aus und nehme sich keine Zeit für die Partnerin. Ein durchaus zeitgemäßes Dilemma! Die Krise der romantischen Zweierbeziehung ist offenkundig.
Angetreten sind die drei Tänzerinnen aber, um etwa anderes zu verkünden: eine Liebes-Utopie. Und sie geben auch Anschauungsunterricht: schmiegen sich aneinander und streicheln sich hingebungsvoll. Ihre Kleider behalten sie dabei an. Das erinnert an die Kuschelparties, die mal in Mode waren. Die sexuellen Fantasien, mit denen die Frauen sich hier antörnen, sind nicht allzu wild. Doch es wirkt recht privat, wie sie mit geschlossenen Augen die weiblichen Körper erkunden. Angeblich forscht Ania Nowak seit zwei Jahren über neue Liebes- und Leibespraktiken. Das sieht man dem dürftigen Stück aber nicht an.

Um sexuelle Begegnungen geht es auch bei Kareth Schaffer, allerdings tappen die Zuschauer in „An Animal Went Out“ im Dunklen, wer es mit wem treibt. Das zu ersinnen, bleibt hier der eigenen Fantasie überlassen. Tanz hat immer etwas Mehrdeutiges, auch wenn er sich auf Erzählungen bezieht. Das macht sich Schaffer zunutze. Die drei Tänzer geben lediglich Hinweise – in getanzter, gesungener oder pantomimischer Form. Und befragen dann das Publikum, was es gesehen hat. Das Stück gründet in konzeptuellen Überlegungen und ist doch sehr vergnüglich. Martin Hansen tritt mit der blasierten Grazie eines Ballettänzers auf und robbt dann wie ein plumper Seelöwe über den Boden. Die reizende Kareth Schaffer besingt ferne Liebesgalaxien. Und Sandhya Daemgen drischt auf ein schwebendes Pappherz ein, bis Federn auf das darunter liegende Paar regnen. Es gibt lustige „Schwanensee“-Anspielungen und eine entzückende Sychronschwimm-Nummer. Lustvoll werden die alten Geschichten zerpflückt. Und es macht Spaß, diesem übermütigen Trio zuzusehen. Unterhaltung ist offenbar nicht mehr verpönt in der jungen Tanzszene. Das lässt hoffen.

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