Tanztheater : Ab in die Küche

Eine erfolgreiche Zeit: Fünfzehn Jahre Sasha Waltz & Guests. Die Reunion im Radialsystem wird mit dem Erfolgsstück "Twenty to eight“ gefeiert.

Sandra Luzina

Berlin Wird sie auftreten oder nicht? Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde verbreitet, dass Sasha Waltz’ frühes Erfolgsstück „Twenty to eight“ aus dem Jahr 1993 auf die Bühne zurückkehren würde – und dass sich die famose Originalbesetzung von damals noch einmal für zwei Vorstellungen in der farbenfrohen Küche von Barbara Steppe versammeln wird. Vorige Woche hieß es dann: Maria Marta Colusi wird Waltz’ Part übernehmen. Und erst drei Tage vor der Premiere im Radialsystem kam die Entwarnung: Sasha Waltz tanzt doch!

Wenn ihr Louise-Brooks-Pagenkopf erstmals hinter der grünen Küchentür hervorlugt, lockt das sogleich den liebeshungrigen Nasser Martin-Gousset auf den Plan. Sasha Waltz in ihrem roten Flatterkleid ist die erotische Küchenfee in dieser schrecklich netten Wohngemeinschaft – und dass die Choreografin auch eine vorzügliche Tänzerin ist, wird einem hier nochmal aufs Schönste vor Augen geführt. Die Reunion ist also komplett, das Komödien-Timing perfekt, die Chemie stimmt. Die Tänzer fallen mit der Tür ins Haus, gehen die Wände hoch, machen sich den Platz auf dem Kühlschrank streitig, und schlagartig wird klar: Dieses Stück ist so frisch wie vor fünfzehn Jahren, als der Name Sasha Waltz nur einer kleinen Tanzszene bekannt war. Der Rest ist, das kann man ohne jede Übertreibung sagen, eine sagenhafte Weltkarriere. Heute tanzt Sasha Waltz souverän zwischen Pariser und Berliner Oper und unabhängigen Orten wie dem Radialsystem.

„Travelogue I – Twenty to eight“ war Sasha Waltz’ Durchbruch. Hier konnte man eine neue Ästhetik bestaunen: Die choreografische Fantasie von Sasha Waltz entzündete sich an Alltagsobjekten, ihr Tanz suchte Reibung und Widerstand. Auch das visuelle Design war bahnbrechend: Wie Waltz die Schnitttechniken des Films für die Bühne adaptiert und kühn fragmentierte Körperbilder entwirft, verblüfft immer noch. Überhaupt steckt das Stück voller Einfälle – und ist äußerst dicht und präzise gearbeitet.

Schauplatz von „Twenty to eight“ ist, wie gesagt, eine Küche. Hier wird gegessen, gestritten und geliebt, hier finden kollektive Rituale statt, bis die Emotionen hochkochen und in rabiat-komische Clinchs münden. Die Aktionen zwischen Tisch, Bett und Kühlschrank werden auf irrwitzige Weise beschleunigt und rhythmisiert: So verleiht Waltz selbst banalen Verrichtungen eine wilde Traumenergie.

Wenn Takako Suzuki die Nähmaschine anwirft und ihr Körper wie ein Rocksaum verrutscht, dann lässt das Rattern auch den unruhigen Schläfer hochschrecken. Nasser Martin-Gousset ist unglaublich: Er sampelt die lässigen Posen von Filmhelden, bewegt sich wie eine Kreuzung aus dem jungen Belmondo und Jacques Tati. Der Franzose ist der Provokateur in dieser Runde. Schnappt den anderen das frische Weißbrot weg, stopft den weichen Teig in sich hinein und wirft den Kollegen ein Stück Kruste hin.

Höhepunkt des Abends ist das erotische Duell zwischen Waltz und Nasser Martin-Gousset auf dem Küchentisch. Zu den Tango-Anklängen des Tristan-Honsinger-Quartetts entwickelt Waltz eine raffinierte Choreografie für vier Beine, die sich kreuzen und verhaken. Anziehung und Abwehr: Sie stößt ihn weg und hat ihn bald wieder an der Angel. Die Szene ist wie ein lang hinausgezögerter Orgasmus – und am Ende läuft die Lust ins Leere. Zum Finale überstürzen sich noch einmal die Aktionen. Die Darsteller-Veteranen tanzen mit ungebremstem Elan und werden beim Schlussapplaus mit großem Jubel empfangen. Eine Derniere: In der dritten Vorstellung am heutigen Freitag wird „Twenty to eight“ nun an eine junge Tänzergeneration weitergegeben.

15 Jahre Sasha Waltz & Guests: Der inszenierte Generationenwechsel bildet den Auftakt zum Jubiläumsprogramm, das 2008 mit weiteren Höhepunkten aufwarten wird; unter anderem werden Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola und Nasser Martin-Gousset neue Stücke zeigen. Keine Frage, das Unternehmen Sasha Waltz & Guests hat längst seine eigene Tradition begründet. Und blickt zudem hoffnungsvoll in die Zukunft: Für das Förderprogramm „Choreographen der Zukunft“ konnte die BASF als Hauptsponsor gewonnen werden.

Radialsystem. Wieder heute und am 22. Dezember sowie vom 6. – 9. Februar. Weitere Informationen: www.radialsystem.de

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