Tanztheater : Herz sprengt Brust

Entfesselte Weiblichkeit: Sasha Waltz mit ihrer Choreografie „Métamorphoses“ im Radialsystem. Das Stück, uraufgeführt im Neuen Museum, hat seine Faszination bewahrt.

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Architektur des Körpers. Szene aus „Métamorphoses“ im Radialsystem V. Foto: dapd
Architektur des Körpers. Szene aus „Métamorphoses“ im Radialsystem V. Foto: dapdFoto: dapd

Steinernen Göttern und Heroen, die plötzlich zum Leben erwachen, begegnet man im Radialsystem V nicht. Aber Hohepriesterinnen des Tanzes, die ihrem eigenen rätselhaften Kult huldigen. Wie Tempeltänzerinnen muten die beiden Frauen in fließenden schwarzen Kleidern an, die zu Beginn von Sasha Waltz’ Programm „Métamorphoses“ mit zeremonieller Langsamkeit auf die Bühne schreiten. Nach dem großformatigen „Continu“, das seine Berlin-Premiere vor gut einer Woche bei der Spielzeit Europa feierte, ist dies nun der zweite Streich. Auch in „Métamorphoses“ knüpft Sasha Waltz an ihr großartiges Museumsprojekt „Dialoge ’09 – Neues Museum“ an.

Im April letzten Jahres hat sie mit 70 Tänzern und Musikern das Neue Museum von David Chipperfield künstlerisch eingeweiht. Wie sie die leeren Räume mit ihrer choreografischen Fantasie füllte, war atemberaubend. „Métamorphoses“ ist nun ein Exzerpt aus dem „Dialoge ’09“-Projekt. Choreografische und musikalische Elemente aus dem Museumsparcours wurden zu einem zweistündigen Abend verbunden. Die in sich geschlossenen Duette und Gruppenstücke, die im Dialog mit der Architektur entstanden sind, wurden zwar nicht aufgesprengt und weiterbearbeitet. Doch auf der schlichten schwarzen oder silbernen Bühne des Radialsystems entfalten sie sich neu.

Die Konzentration liegt nun ganz auf dem Tanz – und dem Dialog mit den Musikern des Solistenensembles Kaleidoskop. Die Tänzer lauschen bisweilen hingebungsvoll dem dynamischen Vortrag – und rücken den expressiven Streichern schon mal zu Leibe. Einmal greifen sie zum Notenpult und tragen es davon – dann wandern nicht nur die Klänge, sondern auch die Musiker.

Kompositionen von Ligeti und Xenakis werden Werken von Georg Friedrich Haas und Ruth Wiesenfeld und damit zwei zeitgenössischen Komponisten gegenübergestellt. Schroffe und wuchtige Klänge, die sich aufeinanderschichten, sich gegeneinander verschieben, sind zu hören – oder ein mikrotonales Beben, das einen starken Sog entfaltet. Zu Xenakis’ „Rebonds Part B“ mit der tollen Robyn Schulkowsky am Schlagwerk tanzt eine Meute aus sieben Frauen sich in Ekstase. Das heftig pochende Herz sprengt die Brust auf – so stark ist die Erregung. Die entfesselte Weiblichkeit – das ist ein Motiv, auf das Sasha Waltz zuletzt oft zurückgegriffen hat – man könnte es den Medea-Komplex nennen. Die israelische Tänzerin Yael Schnell ist die schärfste und wildeste unter den schwarzen Bräuten. Nur gut, dass sie keinen Mann in die Finger bekommt! Der Tanz bewegt sich zwischen den Polen Ekstase und Kontrolle: Sasha Waltz zeigt, wie die unbändige Energie in Form gebannt wird – und damit die Affekte domestiziert und zivilisiert werden.

Auf der kargen Bühne zeigt sich, wie stark Sasha Waltz sich auf die Kunstgeschichte bezieht – sie greift auf alte Pathosformeln zurück und legt sie neu aus. Und so hat dieser Abend im Radialsystem doch etwas von einem imaginären Gang durchs Museum. Doch das formale Können der Choreografin wird durch diesen Extrakt sichtbarer. Die Szene, die ursprünglich im Griechischen Hof des Neuen Museums mit dem Stahl- Glas-Dach und dem Fries von Hermann Schievelbein spielte, hat in der Bühnenversion nichts von ihrer Faszination verloren. Der zarte Xuan Shi hebt Mamajeang Kim himmelwärts, für einen euphorischen Augenblick scheint sie zu fliegen, dann stürzt sie kopfüber zu Boden.

Es ist nicht nur ein raffiniertes Spiel mit der Schwerkraft, das Waltz hier anzettelt, sondern auch mit Anziehungs- und Fliehkräften. Fast schon im Fallen begriffen, halten die Tänzer in den Duetten und Trios für einen seligen Moment das Gleichgewicht. Doch der Tanz steht immer auf der Kippe. Die Körper stürzen ineinander, stützen und halten sich – eine Tänzerin schwebt gar in der Horizontalen – und driften sofort wieder auseinander.

Die monumentalen Räume im Neuen Museum haben damals den Tanz in eine neue Dimension entrückt. Dass die Choreografien nun auf die Bühne verpflanzt wurden, führt erstaunlicherweise nicht zur Ernüchterung. Schönheit, Pathos, Rausch verbindet „Métamorphoses“ mit Formbewusstsein und ausgeklügelten Körperkonstruktionen. Außerdem beweist der Abend einmal mehr, dass die Tänzer von Sasha Waltz & Guests vorzüglich sind. Auch wenn man sie vom Sockel holt. Sandra Luzina

Noch einmal am heutigen Sonntag, 21. November, 20 Uhr.

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