Tanztheater Sasha Waltz : Die bewegte Frau

Die Choreografin Sasha Waltz ist in Karlsruhe aufgewachsen, doch groß geworden in Berlin. Dort, wo so über ihre Bedeutung gestritten wird, dass ihre Arbeit oft dahinter verschwindet. Dabei ist die Stadt ihr Standbein. Ihr Spielbein ist die Welt.

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Blick in die Probe zu Igor Stravinskys "Sacre du printemps" an der Staatsoper im Schillertheater.
Blick in die Probe zu Igor Stravinskys "Sacre du printemps" an der Staatsoper im Schillertheater.Foto: AFP

Umwölkt von einer Gruppe Tänzer bewegt sich das 1,60 Meter große Phänomen durch das ZKM in Karlsruhe. Zielstrebig. Etwas kastenförmig. Weltberühmt. Konzentriert. Immer latent gefährdet. Jetzt geehrt. Unterschätzt. Überschätzt. Immer in Frage. Es sind die letzten Proben zu einem Heimspiel am Abend, denn in wenigen Stunden wird an diesem letzten Freitag im September eine neue Ausstellung eröffnet. Eine Werkschau von Sasha Waltz, die in Karlsruhe aufgewachsen, aber in Berlin groß geworden ist.

Es ist sofort wieder da, das Gefühl, dass sich etwas von innen nach außen stülpt bei diesem Anblick der sich langsam bewegenden Körper. Dass etwas Wesentliches berührt wird. Wie vor 13 Jahren in der Schaubühne, als die ganze Stadt plötzlich fiebrig über Tanz sprach, weil Thomas Ostermeier und Sasha Waltz sich die Leitung der Schaubühne teilten. Eine Zeitenwende im Verhältnis des Theaters zum Tanz.

Die als flüchtig geltenden Tanzbilder, die in den Produktionen „Körper“, und „noBody“ geschaffen wurden, haben sich tief ins Gedächtnis gegraben, wo sie schon über zehn Jahre ankern: der riesige, weiße Ballon, auf, vor und in dem eine Tänzerin zu schweben scheint. Die seltsam zusammengesetzten Mischwesen mit unwahrscheinlichen Bewegungen. Die Körper, die langsam zwischen den Scheiben einer Vitrine gleiten.

Man darf nur für oder gegen Waltz sein

„Piles“, ruft Sasha Waltz, und geübt fallen die Tänzer zu Haufen zusammen, ziehen die Köpfe und die Beine ein, fügen Wirbelsäule an Wirbelsäule. Und das, was immer nur so teuer aussieht von außen, das Beharren auf der „Compagnie“ mit den von ihr ausgesuchten, fest angestellten Tänzern, tritt hier schlagartig als Effizienz zutage. Sie drückt nämlich jetzt nur hier und da eine Schulter in Position und der Haufen steht.

Es ist in Berlin langsam wie mit der Atomkraft. Oder der Gentechnik: Man darf nur für oder gegen Waltz sein. Auf der leisen Flamme des Zweifels reduziert seit Jahren ein Gerücht zu einer scheinbaren Gewissheit: Sasha Waltz sei eine schwierige Frau. Nie sei sie zufrieden und wolle immer nur mehr Geld. Als sie im März mit Liebesentzug drohte, sie würde Berlin den Rücken kehren, wenn nicht endlich eine dauerhafte Lösung für ihre Compagnie gefunden würde, ein Ort und Geld für Planungssicherheit, da war die Aufregung groß. „Stellen wir uns mal vor, sie wäre jetzt in Barcelona oder so, dann müssten wir immer dorthin fliegen“, sagte Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper. Das Lustige an dieser Bemerkung war: Genau so ist es ja schon heute. Waltz spielt dermaßen oft im Ausland und dermaßen selten in Berlin, sie könnte ihr Geld auch aus dem Berlin-Marketing-Tourismus-Topf bekommen.

Waltz ist ein Plakat, das für Berlin wirbt

Aber im festgefahrenen Streit um ihre Bedeutung verschwindet merkwürdigerweise sie selbst. Es ist möglich, bei diesem schlecht choreografierten Eiertanz vollkommen ihre Arbeit zu übersehen. Nachdem ihre Stücke an der Schaubühne auch in Berlin große Publikumserfolge waren, produziert sie nun mit Partnern in St. Petersburg, Paris, Rom, Brüssel.

Die Stadt ist zwar ihr Standbein, aber ihr Spielbein ist die Welt. Waltz ist ein Plakat, das für Berlin wirbt. Leider hängt es oft in Paris. Während hier eine merkwürdige Opposition zwischen Sasha Waltz und Berlin diskutiert wird, als sei Waltzing Sasha nicht längst Teil der Stadt.

Sie repräsentiert ja nicht bloß Berlin, sie verkörpert es. Zurzeit mit 13 fest angestellten Körpern. Die Sophiensäle, die Schaubühne, Libeskinds schräger Bau in Berlin und Chipperfields würdevoller wurden von ihr bespielt. Sie ist Spezialistin darin geworden, leere Museen zu betanzen. Es ist so sehr eine neue Gattung geworden, ihre eigene neue Gattung, leere Räume zu vermessen, dass es heute für jeden anderen vermessen wäre, das Format zu kopieren.

Die Prinzipien Berlins sind auch ihre: Beweglichkeit in ganz existenziellem Sinne. In leer stehenden Räumen tanzen, wie das die Berliner im Cookies, E-Werk und WMF der Neunziger taten. Und die Feier des Provisoriums, das nach seiner Abschaffung wie ein jung gestorbener Held als Mythos ewig weiterlebt.

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