Tanztheater : Schreib das auf!

Die Forsythe Company mit „Human Writes“ beim Tanz im August: Menschenrechte sind in diesem Jahr einer der Schwerpunkte des Berliner Tanzfestivals.

von

Schmutzige Hände holt sich jeder bei dieser Aktion. Doch die tänzerische Schwarzmalerei hinterlässt auch tiefere Spuren – so hoffen es die Performer. Es geht um die „human rights“, die Menschenrechte sind in diesem Jahr einer der Schwerpunkte des Festivals „Tanz im August“. Dem abstrakten Thema hat William Forsythe mit „Human Writes“ eine eindringliche Formulierung abgerungen.

Die Performance-Installation hat der Choreograf zusammen mit dem Rechtsprofessor Kendall Thomas von der New Yorker Columbia University konzipiert. Beide verstehen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ als Appell an jeden Einzelnen. Und sie wollen „ihren strittigen Ursprung, ihre andauernden Widersprüche, die fortgesetzten Schwierigkeiten bei ihrer Umsetzung“ künstlerisch nachvollziehen. Forsythe spielt auf den Gleichklang von „rights“ und „writes“ an, und so wird das Einüben in die Rechtspraxis zur körperlichen Schreibpraxis.

Wenn die Zuschauer in den großen Saal des Radialsystems strömen, werden sie sogleich hineingezogen in eine emsige, schweißtreibende Aktivität. 40 Zeichentische sind in Reihen aufgestellt. Auf weißem Papier sind einige der Artikel mit Bleistift notiert. Der komplette Urtext von 1948 hängt an der Wand. Die Tänzer machen sich mit Kohlestiften ans Werk, sie jagen den flüchtigen Ideengebilden hinterher und ringen um jede einzelne Letter.

Die Aktion ist eine buchstäbliche Auslegung – und eine absurde Anstrengung, ist doch jeder Strich erheblichen Widerständen abgetrotzt. Die Regeln und Verbote, die den Tänzern auferlegt wurden, behindern das Schreiben. Die Hände sind ihnen gebunden, oder auf dem Rücken gefesselt. Sie führen den Stift mit dem Mund übers Papier oder schreiben mit der Armbeuge. Bei Yoko Ando klemmt er zwischen den Zehen des rechten Fußes, in wilder Verrenkung krakelt sie japanische Zeichen in vertikalen Reihen. Andere lecken die pulverisierte Kohle und lassen die Zungenspitze kreisen. Es ist ein unermüdliches Kritzeln, Ritzen, Bohren und Verwischen. Das Tackern und Hämmern bildet das Hintergrundgeräusch in diesem Labor.

Tänzer unterschiedlicher Nationalität haben sich vereint für „Human Writes“. Jeder für sich und dennoch mit gemeinsamem Elan werfen sie sich auf das aussichtslose Unterfangen. Sie ziehen an einem Strang, agieren in zunehmender Abhängigkeit. Vier Männer sind gar mit Seilen aneinandergefesselt. Aber vor allem die intensive Kommunikation zwischen den Performern und den Zuschauern machte die Berliner Aufführung zu einer einmaligen Erfahrung.

Wir können es nur gemeinsam schaffen – diese Überzeugung liegt dem Projekt zugrunde. Und so bitten die Performer die Zuschauer um Hilfe und ganz konkrete Anleitung. Wunderbare Szenen sind da zu sehen. Jared Gradinger und Mamajeang Kim fassen einige Zuschauer an den Händen und halten eine Seance ab. Die Tänzer bilden Kreise und Ketten und geben die Impulse weiter. William Forsythe, der sich in früheren Versionen am Folterverbot abgearbeitet hat, hat sich diesmal Artikel 4 vorgenommen: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.“ Blitzschnell attackiert er das Papier mit dem Stift. Sobald er in schlingernde, ausweichende Bewegungen verfällt, weisen ihn drei junge Frauen an: „Andere Richtung!“ Die Berliner, die die Tänzer so geduldig und freundlich dirigieren, werden zu Verbündeten. Und erfahren leibhaftig die Mühen dieses humanen Schreibakts.

Erst durch ihre mehr als zweistündige Dauer entfaltet die Aktion ihre nachdrückliche Wirkung. Die kollektive Anstrengung hinterlässt Spuren, auf dem Papier, auf den Körpern – und in den Köpfen. Forsythe und Kendall wissen, dass die gute Gesinnung allein nicht reicht. Doch sie halten an der Hoffnung fest, dass Ideen anstecken können. Wie Taten abfärben können, erfährt man hier allemal.

Wieder am Sonntag, 18 Uhr, im Radialsystem

0 Kommentare

Neuester Kommentar