Kultur : Tanztheater: Zum Raum wird hier die Zeit

Sandra Luzina

Auf der Straße und auf dem Dach, auf Treppen und Mauern und unter Bäumen - der Tanz ist überall. Sasha Waltz macht mobil. Die Choreografin und ihr Tanzensemble eröffnen die neue Spielzeit an der Berliner Schaubühne - und sie stoßen gleich die Pforte des Theaters auf, um auszuschwärmen. Tänzer erobern den öffentlichen Raum. Ein choreographischer Parcours rund um den Lehniner Platz: Das Projekt "17-25/4 (Dialoge 2001)", benannt nach dem Block 17 des Flurstücks 25/4, auf dem sich die Schaubühne befindet, ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem 1928 von Erich Mendelsohn erbauten Bauensemble am Lehniner Platz.

Sasha Waltz Fantasie entzündet sich an der Architektur. Zugleich ist ihr Projekt eine Recherche zum Thema: die Stadt und der Körper. Der Zuschauer erfährt sich als Teil der Bewegung, er muss sich einstellen auf Tempo, Mobilität und Flüchtigkeit der Wahrnehmung. Erstmals seit den "Drei Schwestern" sind die Trennwände herausgenommen, der Bühnenraum in seinen gewaltigen Dimensionen lässt an eine Industriehalle denken. Die verhaltenen maschinellen Geräusche steigern sich zu einem Dröhnen, das sich als körperlicher Druck erfahren lässt (Klanginstallation: Hans-Peter Kuhn).

Durch diesen gewaltigen leeren Raum schreitet, läuft und hastet ein weißgekleidetes Ensemble von 30 Tänzern. Nur wenige in Rot oder Schwarz stechen aus der Menge hervor. Wie sich aus Individuen ein Kollektivkörper formt: Kein Ordnungsschema ist erkennbar, Sasha Waltz untersucht Strömungen, Sog und unterirdische Kraftlinien der Menge. Kontrastiert Dichte und Zerstreung der Körper im Raum. Die Tänzer folgen dem gleichen Rhythmus, beschleunigen ihre Schritte wie auf Kommando. Eine störungsfreie Bewegung. Bis die Akteure abrupt auseinanderstieben. Fliehen, Laufen, Stürzen. Die Körper fallen nacheinander zu Boden, doch die Massenbewegung kommt nie zum Stillstand. Nicht nur der Raum mit seinen nackten Betonwänden lässt die Körper verletztlich und fragil wirken. Auch unsere Wahrnehmung hat sich seit dem 11. September verändert: Die Bewegung hört nie auf, doch eine unausgesprochene Bedrohung schwebt über diesen unermüdlichen Aktivitäten. Ein einzelner Tänzer wird schließlich eingekreist und einverleibt, bis es seinen Körper förmlich zerreisst.

Eine Reise in die Nacht. Die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen zusehends. Die Tänzer auf den Dächern kommunizieren über weite Entfernungen, senden Zeichen in den nächtlichen Himmel. Körperchiffren, Textfragmente, ein Gemurmel in vielen Sprachen. Und da ist der Traum von einem anderen Körper und einem anderen Fortbewegung. Auf dem Flachdach gleitet Laurie Young in einem Boot durch die Dunkelheit. Die Bewegungen der Tänzer haben sich verflüssigt, wirken schwerelos. Und plötzlich scheint die Schaubühne unter Wasser zu stehen. Durch die Schaufenster taucht ein Schwimmer. Nein, kein Schiffbruch mit Zuschauern. Die Videoinstallation von Heike Schuppelius rückt die nächtliche Szene ins Surreale. Wir sind angekommen in einem anderen Element.

Noch einmal setzt sich die Prozession in Bewegung. Endstation des Rundgangs: der Innenraum. Sechs Aluminiumleitern ragen empor. Dreißig Stufen und mehr bis in den Bühnenhimmel. Die Akteure sammeln sich, einer nach dem anderen klettern sie hinauf - um nun endgültig aus dem Blickfeld der Zuschauer zu verschwinden. Und doch scheint jeder eine Spur zu hinterlassen. So gewinnt die Szene mit jedem neuen Aufstieg an suggestiver Kraft. In abstrakten, reduzierten Bewegungen, in still-konzentrierten Bildern zeigt Sasha Waltz, wie sich die Stadt in der körperlichen Erfahrung darstellt. Zunehmend entrückt und erhöht sie die Akteure, die nicht nur steinerne Mauern erklimmen, sondern unsichtbare Grenzen überschreiten. Waltz setzt sich nicht nur auf die Spuren des urbanen Passanten, sie lässt uns ahnen: das Sein ist eine Passage.

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