Tanztruppe "Sasha Waltz & Guests" : Blutgrätsche

Bald müssen sich die Abgeordneten entscheiden: Soll die Compagnie Sasha Waltz & Guests vor die Hunde gehen oder will Berlin die weltweit gefeierte Tanztruppe künftig mit 415 000 Euro mehr pro Jahr unterstützen?

Frederik Hanssen

Wenn die Abgeordneten am 5. Oktober zur zweiten Lesung des Kulturetats für 2010/11 zusammenkommen, müssen sie sich entscheiden: Soll die Compagnie Sasha Waltz & Guests vor die Hunde gehen oder will Berlin die weltweit gefeierte Tanztruppe künftig mit 415 000 Euro mehr pro Jahr unterstützen? Eine Fortschreibung des Status quo, das machte Compagnie-Manager Jochen Sandig am späten Montagabend im Kulturausschuss deutlich, bedeutet das Aus nach 16 erfolgreichen Jahren.

Zum Ende der neunstündigen Marathonsitzung bekamen die Lokalpolitiker eine knifflige Hausaufgabe mit auf den Weg, nachdem schon zuvor auch Intendant Claus Peymann damit gedroht hatte, dass das Berliner Ensemble „in einem Jahr insolvent“ sei, wenn ihm zusätzliche Zuschüsse nicht gewährt würden. Dass sich Berlin mit Sasha Waltz gerne schmückt, steht außer Frage. Nach der Trennung von der Schaubühne wurde 2006 ein eigener Haushaltstitel für die Truppe geschaffen. Die Ausstattung dieses Etatpostens fiel mit 675 000 Euro pro Jahr allerdings mickrig aus. Auch die 875 000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds, die entgegen allen Vergaberegeln des Bundes-Fördertopfs regelmäßig zugeschossen werden, reichen für die Choreografin und ihre zwölf Tänzer nicht aus.

Allein weil sich alle internationalen Festivals um Sasha Waltz & Guests reißen, konnte bislang eine Insolvenz verhindert werden. Die Eigenfinanzierungsquote liegt bei 60 Prozent, während deutsche Staatstheater im Durchschnitt nur 20 Prozent erreichen. Um sich selber mit rund einer halben Million Euro im Jahr zu subventionieren, absolviert die Compagnie ein Maximum an Gastspielen, in dieser Saison 100 Aufführungen auf vier Kontinenten. Was wiederum dazu führt, dass die Berliner immer seltener Waltz- Produktionen zu sehen bekommen. Eine organisatorische Blutgrätsche, die allen weh tut: Den Künstlern, weil sie sich bis über die Grenze des physisch Zumutbaren verausgaben, den Fans vor Ort, weil sie durch die häufige Abwesenheit der Truppe bestraft werden.

Befragt, wie denn der Senat gedenke, das Problem zu lösen, reagierte Staatssekretär André Schmitz mit kaltem Zynismus: Als Souverän könne das Parlament ja einen Antrag auf Etaterhöhung stellen, wenn den Abgeordneten danach sei, erklärte er. Kultursenator Klaus Wowereit hatte die Sitzung da bereits verlassen.

Das Drohpotenzial von Sasha Waltz & Guests ist gering, denn die Choreografin will in der deutschen Hauptstadt bleiben. Darum erbittet sie nur eine Mindestausstattung, die Finanzierung ihrer Fixkosten für die Berliner Homebase. 50 Prozent ihrer Etats will sie selber einspielen, durch Reisen und Kooperationen mit Institutionen vor Ort wie den Berliner Festspielen, den Museen sowie den Opernhäusern. Bevor die Parlamentarier erschöpft auseinandergingen, versprach der kulturpolitische Sprecher der Linkspartei, Wolfgang Brauer, bei der nächsten Sitzung einen Finanzierungsvorschlag vorzulegen. Immerhin.

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