• Tarif-Modell: "Das Geschrei vom schlechten Standort stimmt einfach nicht": Der Gewerkschaftsbund sieht den Flächentarifvertrag nicht gefährdet

Kultur : Tarif-Modell: "Das Geschrei vom schlechten Standort stimmt einfach nicht": Der Gewerkschaftsbund sieht den Flächentarifvertrag nicht gefährdet

Herr Dombre[hat der Deutsche Gewerkschaftsb],de

Reinhard Dombre (51) ist Tarifexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Herr Dombre, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund der IG Metall denn schon gratuliert?

Mit Gratuationen halten wir uns zurück. Aber wir freuen uns natürlich, dass tarif- und gewerkschaftspolitische Ziele unter der Einhaltung von Flächentarifverträgen erreicht wurden. Es war ein hartes Stück Arbeit, und es zeigt sich, dass das Motto Gründlichkeit vor Schnelligkeit sinnvoll war.

Das Unternehmen VW sagt, es spart nun mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Haustarif ein. Das geht zu Lasten der Arbeitnehmereinkommen. Kann ein Gewerkschafter das gut finden?

Sicherlich wird dieses Modell auch für Volkswagen Vorteile bieten, keine Frage. Aber mit diesem Modell werden gleichzeitig Beschäftigungschancen ermöglicht, die ohne ein solches Modell, das den Flächentarifvertrag nicht unterschreitet, nicht möglich gewesen wären.

Die Vereinbarung zwischen IG Metall und VW ist also kein Sargnagel für den Flächentarifvertrag?

Auf keinen Fall. Wichtig ist, dass der Flächentarifvertrag als eine Haltelinie zu sehen ist. Alle Vereinbarungen, die sich unter dieser Grenze bewegen, würden Dammbrüche für die ganze Branche bedeuten. Das ist mit diesem Abschluss verhindert worden.

Sehen Sie die Vereinbarung als Beleg dafür, dass bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Deutschland kein Nachholbedarf besteht?

Das ist eindeutig der Fall. Wir haben jetzt den Beweis dafür, dass sowohl von der Entgelthöhe als auch von der Qualifizierung der neuen Arbeitnehmer her ein Auto an diesem Standort gebaut werden kann. Dieser Standortvorteil war auch für BMW entscheidend, sich mit dem neuen Werk in Sachsen anzusiedeln. Dieses Geschrei vom schlechten Standort und zu hohen Tarifen in Deutschland stimmt einfach nicht.

Viele Kritiker werden dennoch weiter gegen den Flächentarifvertrag argumentieren. Was sagen Sie denen?

Die Leute, die sich in der Vergangenheit über die mangelnde Flexibilisierung beklagt haben, sollten besser mal wirklich in einen Tarifvertrag hineinschauen. Das haben sie offensichtlich nicht getan. Sonst hätten sie feststellen müssen, dass Möglichkeiten für Öffnungsklauseln bei der Arbeitszeit und beim Entgelt gegeben waren und auch noch weiter gegeben sind. Ein Beispiel ist die Baubranche in Ostdeutschland. Bei dem neoliberalen Ansatz "Weg mit dem Tarifmodell" kann ich nur den Kopf schütteln.

Hat der Abschluss bei VW Vorbildcharakter für andere Branchen?

Wenn das gemacht würde, hätte das natürlich zwangsläufig Folgen für den Flächentarifvertrag. VW ist ein spezifisches Modell. In anderen Bereichen wird das nur sehr begrenzt möglich sein.

Dann kommen nur Unternehmen in Frage, die einen Haustarifvertrag haben, der über dem Flächentarifvertrag liegt?

Genau. Wir haben aber auch mit der Lufthansa ein Beispiel, wie man es besser nicht machen sollte. Denn dort haben die Cockpit-Leute ihre Forderungen nach oben gedrückt. Die entsprechend negativen Folgen werden sich wahrscheinlich noch abzeichnen.

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