Kultur : Tarif-Modell: Neue Formen der Arbeit

Karen Wientgen

Während andere Unternehmen rund um den Globus entlassen, will VW im kommenden Jahr bis zu 5000 neuen Arbeitsplätze schaffen. Und diese obendrein vorrangig mit Arbeitslosen besetzen, die weiterqualifiziert werden. Es war ein erfreulicher Verhandlungsdurchbruch, den IG-Metall und VW-Betriebsrat gestern morgen um fünf Uhr mit Bier und Sekt im Hannoveraner Maritim-Hotel feierten - bevor sie sich rasch in die Betten begaben. Vorausgegangen war ein 17-stündiger Verhandlungsmarathon einer 30-köpfigen Kommission. Obwohl die Gespräche mit Verspätung begonnen hatten, weil die VW-Abordnung im Stau steckengeblieben war, kam die Einigung überraschend schnell. Die IG Metall hatte damit gerechnet, dass noch weitere Verhandlungstermine nötig sein würden.

Das Tarifmodell "5000 mal 5000" ist in Deutschland einmalig. Es besteht aus einer sehr flexiblen Arbeitswoche von durchschnittlich 35 Stunden und einer Entlohnung, die zwar auf dem Niveau des Flächentarifvertrages der niedersächsischen Metallindustrie liegt, aber unterhalb der Bestimmungen des VW-Haustarifvertrages. Die Beschäftigten sollen einen Pauschallohn von mindestens 5000 Mark monatlich erhalten - damit ist einer der Bestandteile des Arbeitsmodells "5000 mal 5000" sichergestellt. Ob das auch auf das zweite 5000 zutrifft, ist noch nicht sicher. Klar ist, dass VW für den Bau eines Minivans auf Basis des VW Golf ab kommenden Frühjahr 3500 Arbeitslose neu einstellen wird. Ob der Konzern noch weitere 1500 Arbeitsplätze für die Herstellung eines Kleinbusses schaffen wird, ist dagegen noch nicht entschieden. Der Grund: Noch hat VW nicht beschlossen, ob es tatsächlich den Kleinbus produzieren wird.

Die Reaktion bei Arbeitgeber, IG-Metall und Politik auf den Durchbruch war einhellig positiv. "Die Einigung zeigt, dass in Deutschland weiterhin Industriearbeitsplätze geschaffen werden können", sagte VW-Chefunterhändler Josef-Fidelis Senn. "Wir haben sicher gestellt, dass Arbeitslose zu anständigen Bedingungen eingestellt werden", kommentierte IG Metall-Bezirkschef und Verhandlungsführer Hartmut Meine. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, lobte die flexiblen Regelungen bei der Arbeitszeit. Und der Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete das Modell als "wegweisend". Selbst die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten freut sich "über den Abschluss, weil damit die Stärke des Standortes Deutschland unterstrichen wird".

Das zeigt, dass VW und IG-Metall zwar ein schwieriger Abschluss gelungen ist. Dass aber die Parteien in den langen Verhandlungen keinen Konsens geschaffen haben, der ein revolutionärer Aufbruch auf dem Arbeitsmarkt ist - weil niemand schreit, er also niemandem richtig weh tut. Nach Ansicht des Sachverständigenrates Horst Siebert, Arbeitgebern und Gewerkschaften lässt sich das VW-Modell nur schwer auf andere Unternehmen übertragen.

Wie sieht die Einigung nun aus? 4500 Mark davon sind das einheitliche Entgelt, die übrigen 500 Mark ein Mindestbonus. Wenn das Unternehmen die Gewinnschwelle erreicht, erhalten die Mitarbeiter weitere persönliche Leistungsboni sowie eine Ergebnisbeteiligung je nach Geschäftsentwicklung des Vorjahres. Für VW ist damit die Produktion billiger. Im Jahresdurchschnitt soll die Arbeitszeit bei 35 Stunden liegen. Doch je nach Nachfragesituation können daraus bis zu 42 Stunden werden.

Doch es bleiben Fragen: Horst Siebert, Präsident des Kieler Weltwirtschaftsinstitutes und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ist skeptisch. "Die rechtlichen Hürden sind sehr hoch, um das Modell auf andere Unternehmen zu übertragen", sagt er. Bei der neu gegründeten "Auto 5000 GmbH" bei VW habe kein Tarifvertrag bestanden. Und der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) sieht in dem VW-Modell zwar eine "durchaus interessante Lösung", aber "nichts dramatisch Neues". Bei den deutschen Autoherstellern gebe es bereits 200 bis 300 verschiedene Arbeitszeitmodelle. Und Autohersteller selbst äußern sich ähnlich. So heißt es bei BMW, dass das Modell keine Alternative sei. "Wir haben unsere eigenen Regeln", sagt der Gesamtbetriebsratchef Manfred Schoch. Und auch der Daimler-Chrysler-Betriebsrat Helmut Lense sieht im VW-Tarif "keinen Modellcharakter". Die Einigung sei vor allem vor dem Hintergrund der VW-Drohung zu sehen, die neu zu schaffenden Arbeitsplätze ansonsten ins Ausland zu verlagern, sagte Lense.

Hauptmotivation der "5000 mal 5000"-Regelung war, Arbeitsplätze für Arbeitslose zu schaffen. Ist die Einigung von VW und IG-Metall in der Hinsicht ein Erfolg? "Es ist besser als nichts", sagt das Sachverständigenratmitglied Horst Siebert trocken. "Es wäre schlimm gewesen, wenn man die Chance vertan hätte." Allerdings fügt er gleich hinzu: "Es hätte aber besser sein können." Letzten Endes hätte man Zugriff auf den niedersächsischen Flächentarifvertrag genommen - weiche also nicht vom Tarifvertrag ab. Das zeigt für Siebert einmal mehr, dass Gewerkschaften im Interesse der bereits Beschäftigten handelten und weniger auf die Schaffung von Arbeitsplätzen schauten. Dabei steht für Siebert außer Frage, dass eine größere Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt auch zu mehr Beschäftigung führen würde, wenn er auch keine Zahlen anführen möchte. Deswegen hätte es Siebert begrüßt, wenn sich VW mit seiner ursprünglichen Forderung nach einer 42,5-Stunden-Woche durchgesetzt hätte. "Es wäre wünschenswert, dass ein Unternehmen vom Tarifvertrag abweichen darf, wenn dies mehr Beschäftigung schafft", sagt Siebert, "und der Gesetzgeber auch diese Möglichkeit einräumt."

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