Kultur : Tarifabschuss

Thomas Lackmann

über Napoleon, wehende Mäntel und den öffentlichen Dienst

Ein Gewerkschafter sitzt beim Frisör ...

– (das war mal ein Leutnant-Witz, später ein Kohl-Witz, aber so geht er auch) –

... und dieser gibt ihm ein Rätsel auf: „Der Sohn meines Vaters, aber nicht mein Bruder – wer ist das?" „Keine Ahnung“, sagt der Funktionär. „Das bin ich“, sagt der Frisör. „Und was ist das“, dabei nimmt er, pardon, eine Bohne aus dem Einkaufsnetz einer Kundin, schneidet sie durch. „Was weiß ich“, sagt der Funktionär. „Bona-parte", sagt der Frisör. „Super!", sagt der Funktionär, „klasse Witze", steckt die Bohnen ein und geht über die Straße zur Tarifverhandlung. „Superrätsel“, sagt er zum Arbeitgebervertreter und zeigt ihm die halben Bohnen, „was ist das?" „Bohnen?“ fragt der andere. „Ach was: Napoleon!" triumphiert der Funktionär. „Und wer ist das: der Sohn meines Vaters und nicht mein Bruder?" „Das sind Sie," sagt der Arbeitgebervertreter. „Von wegen", sagt der Gewerkschafter. „Das ist der Frisör da drüben."

Es ist vielleicht nicht der ideale Moment, auf Kosten von Arbeitnehmervertretern und Dienstleistungsanbietern Witze über Logik und besitzanzeigende Fürwörter zu machen, trotzdem soll, zumal der hauptstädtische Dienstleister-Streik noch keineswegs ganz abgeblasen ist, an dieser Stelle festgestellt werden: Napoleon hat nie gestreikt. Ein echter Kaiser macht das nicht, er steht ja nicht im öffentlichen Dienst, sondern hoch darüber. Nun war Napoleon als „der Weltgeist zu Pferde“, wie ihn sein Zeitgenosse Hegel rühmte, zwar unabhängig vom öffentlichen Nahverkehr. Aber war er ein echter Kaiser? Er war der Bürger Emporkömmling einer Neuen Zeit und musste ackern, bis er, ohne ererbtes Gottesgnadentum, Europa als seine Familienfirma organisiert hatte; dafür hat er Strategie gebüffelt wie blöde. Haute sich drei Stunden aufs Ohr, legte um Mitternacht los bis zum Morgen und sein Stab durfte mithalten. 18-Stunden-Tage! Veni, Verdi? Vici! „Gott schuf Napoleon und setzte sich dann zur Ruhe“, scherzten seine Untertanen.

Ins Internet gestellt hat dieses schöne Karriere-Portrait nicht etwa das ZDF, dessen „Napoleon“, ein EU-Kostümschinken zwischen Guido Knopp und „Dynasty“, heute Abend nun doch mit Folge 3 bis Moskau vorrücken darf (weil Otto Schily wenigstens den öffentlichen Dienststreik am Lerchenberg abgewendet hat). Vielmehr wird die www-Verehrung des Strebers Napoleon durch Richard Beiderbeck gefördert, der jüngst die „Gesellschaft zur Demokratisierung aller Lebensbereiche“ (Gedal) ins Leben rief. Der Mann ist ein bayerischer Grüner; was ihn nicht davon abhält, historischen Heroen digitale Kränze zu flechten und zugleich eine softe Reprise der durch den Korsen verratenen Revolution anzukündigen: Schon der Nachfolger des übernächsten Papstes werde nur noch als „Vorsitzende(r) der Katholischen Kirche" gewählt werden, auf fünf Jahre! „Es wäre undemokratisch, wenn ich als Gründer von Gedal im Voraus festlegen würde, in welche Richtung wir gehen sollen“, schreibt der Gedal- Führer ziemlich unnapoleonisch; vielmehr hofft er, dass auch islamische Familien bald ihre Oberhäupter wählen werden, und wir alle unsere Chefs. Eine Herrscher-Gesellschaft, ohne Diener und Bedienung! Ausgeblendet hat der Radikaldemokrat dabei allerdings die Crux mit dem öffentlichen Dienst: dessen Dienstleister, wenn sie beispielsweise Berlin demnächst bestreiken sollten, sich quasi selbst boykottieren. Wo der öffentliche Dienst größter Arbeitgeber ist, tarifpokern die Emporgekommenen mit sich selber und zahlen dann – der Untergebene meines Chefs und zugleich mein Angestellter! – über Steuern die eigene Gehaltserhöhung.

Als Napoleon seine erste Verbannung für 100 Tage verließ, sollten ihn Truppen aus Paris stoppen, die prompt zu ihm überwechselten. Er lief ihnen entgegen, den roten Mantel geöffnet, Arme ausgebreitet: „Wollt ihr auf euren Kaiser schießen?" Ach, welcher Regierende wird sich in diesen eisigen Tagen den Vampiren unserer ausgesaugten Haushalte entgegenwerfen, mit wehendem Kaschmir? Künstler machen große (Napoleon-)Filme. Große Männer machen Geschichte, führen Kriege. Demokraten machen – wie sieht das im Fernsehen öde aus! – Tarifabschlüsse.

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