Kultur : Tarnangriffe

Spaßguerilla: ein Filmporträt der „Yes Men“

Silvia Hallensleben

Seriös sieht er aus, der Hank Hardy Unruh. Doch was der Referent der Welthandelsorganisation bei einer Konferenz über die Globalisierung des Textilhandels von sich gibt, ist drastisch. Er lobt die ökonomischen Vorzüge globaler Billiglohnarbeit gegenüber der Sklaverei. Dann reißt er sich auch noch den dunklen Anzug vom Leib, um darunter einen Superman-Dress zu entblößen – mit einem riesigen aufblasbaren Phallus, der an seiner erigierten Spitze einen Bildschirm trägt. Der „Business Leisure Suit“ soll, so Unruh, die kontrollierende Kommunikation mit den Billigarbeitern auf der anderen Seite des Erdballs erleichtern. Anschließend höflicher Applaus.

Überaffirmation ist eine populäre Methode satirischer Verfremdung – praktiziert meist im geschützten Raum von Kabarettbühnen, Galerien oder Satiremagazinen. Der öffentliche Tarnangriff steht, nach den Happenings und der Spaßguerilla der Sechziger, seit rund zehn Jahren in neuer Blüte: Im Kontext der Neuen Sozialen Bewegungen bündeln junge Akteure Humor, politischen Aktivismus und Subversion zu spektakulären Aktionen.

Hardy Unruh alias Andy Bichlbaum sorgte 1996 als Angestellter einer Spieldesignfirma dafür, dass bei einigen Editionen des Computerspiels SimCopter leicht bekleidete Schwule die Identität anständiger Bürger übernahmen. Unruhs Assistent und Aktenkofferträger Mike Bonnano tauschte schon 1993 die Sprachchips amerikanischer Barbiepuppen mit denen einer männlichen Puppe namens „GI Joe“ und stellte sie zurück in die Ladenregale. 1999 dann begannen die beiden Aktivisten ihre subversive Zusammenarbeit mit der Kaperung der Webseite der Welthandelsorganisation GATT – nach der Namensänderung zur WTO flottierte sie herrenlos im virtuellen Raum. Die täuschend ähnliche Verpackung wurde mit Inhalten gefüllt, die die Wahrheit ein klein bisschen offenherziger als die Kollegen selbst erzählten. Bald purzelten die ersten Anfragen zur Teilnahme an Tagungen herein.

So lautet der offizielle Gründungsmythos von „The Yes Men“, wie er auch in dem gleichnamigen Filmporträt der Truppe anschaulich vertreten wird. Die „Yes Men“ nahmen die Einladungen an und freuten sich, ihre Gastgeber mit Weltrettungsplänen zu provozieren. Aber was, wenn die Wirklichkeit noch ein bisschen schlimmer ist? Denn ob sie meistbietend Wählerstimmen verschachern oder einen freien Markt für Menschenrechtsverletzungen einführen wollen: Das institutionelle Publikum reagiert abgeklärt.

Der im Video-Reportagestil gedrehte Film (Regie: Chris Smith, Dan Ollam und Sarah Price) dokumentiert einige Aktionen der „Yes Men“ und führt die Kommunikationsguerilla in die gebundene Form des gelungenen Lausbubenstreichs zurück. Überschattet wird dieses Vergnügen freilich von der anschaulich vermittelten Erkenntnis, welch traurig dummes Personal tagtäglich über unser Wohl und Weh entscheidet. Übrigens: „www.gatt.org“ funktioniert noch immer.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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