Kultur : Tatkraft aus Holland

KULTURGESCHICHTE

Bernhard Schulz

Oranienbaum, jener kleine Ort östlich von Dessau, ist endlich aus jahrzehntelangem Dahindämmern erweckt worden. Das Schloss – einem stattlichen Gutshof ähnlich – wurde zunächst von der Fremdnutzung als Archiv befreit, um nun erstmals seit Kriegsende wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu sein – mit allen Spuren des Verfalls, die die angekündigte Restaurierungszeit von zwölf Jahren durchaus glaubhaft erscheinen lassen. Doch die ganze Bedeutung des Gebäudes erschließt sich erst durch die vorzügliche Ausstellung von Gemälden und Grafiken, die in den schadhaften Räumen eine ganz eigene Anmut entfalten.

Oranienbaum ist ein Zeugnis der engen dynastischen Verflechtungen, die das Haus Oranien auszuspannen verstand; so auch nach Anhalt-Dessau. Prinzessin Henriette Catharina, eine der vier Töchter von Friedrich Heinrich, Prinz von Oranien, heiratete 1658 den Fürsten Johann Georg von Anhalt und war weit mehr als die Frau an seiner Seite. Ihre Klugheit und Tatkraft wurden weithin gerühmt, und zumal die Zeit ihrer fünfjährigen Regentschaft nach dem Tod des Fürsten galt Zeitgenossen als Muster einer weisen Regierung. Das Fürstentum war vom Dreißigjährigen Krieg aufs Schwerste gezeichnet; unter dem deutsch-holländischen Herrscherpaar begann sein Wiederaufstieg.

Der Titel der Ausstellung „Oranienbaum. Huis van Oranje – Wiedererweckung eines anhaltischen Fürstenschlosses“ macht den historischen Impetus deutlich (nur noch bis 7. September, 10-18 Uhr. Schloss und Park bis 31. Oktober. Hervorragender Katalog im Deutschen Kunstverlag, 400 S., kt. 29,80 €, im Buchhandel 49,90 €). In 100 Gemälden und zahlreichen Grafiken entsteht ein Ausschnitt des dynastischen Europas jener Tage. Porträts von Gerard van Honthorst und aus der Werkstatt van Dycks wetteifern mit kostbaren Gemeinschaftsarbeiten von Rubens und dem älteren Brueghel. Das Prunkstück aber ist Jan Mijtens Familienbild der vier oranischen Schwestern, deren eine nach Anhalt ging, um Oranienbaum zum Musterbeispiel eines ebenso rationalen wie behaglichen Städtchens zu formen.

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