Kultur : Tatort Beletage

Claude Chabrol warnt in „Die Blume des Bösen“ vor Familien mit Doppelnamen

Silvia Hallensleben

Echte Sensibilität für die Feinheiten französischer Eigennamen bringen selbst cinephile Franzosen selten auf. Doch dass bei einer Familie mit dem Namen Charpin-Vasseur einiges im Argen liegen muss, dürfte auch deutsche Kinogänger nicht weiter überraschen. Schließlich verdankt sich dieser Name nicht einer unschuldigen Laune des Schicksals, sondern dem Einfallsreichtum seines mehr oder weniger launischen Erfinders.

Claude Chabrol hat sich für die Charpin-Vasseurs eine diabolisch verzwickte Genealogie erdacht: Seit drei Generationen sind die Charpins und die Vasseurs durch auch inzestuös gekreuzte Eheschließungen und fatale Schicksalsschläge miteinander verbandelt. Drei Generationen leben auch gemeinsam auf dem Familiensitz in der südwestfranzösischen Provinz: örtliche Honoratioren, neben dem Apotheker Gérard Vasseur (Bernard Le Coq) und seiner Gattin Anne (Nathalie Baye), die sich erfolgreich als Lokalpolitikerin versucht, deren alte Tante und zwei fast erwachsene Kinder des Paares aus erster Ehe, selbstverständlich unterschiedlichen Geschlechts.

Es gibt wenige Regisseure, denen man gerne verzeiht, wenn sie immer wieder den gleichen Film drehen. Claude Chabrol ist wohl der älteste von ihnen. 45 Filmjahre hat der Meister auf dem Buckel und noch ein paar mehr Filme in die Welt gebracht: gelungenere und weniger gelungene. Eine wirkliche Niete war nie dabei, ein atemberaubendes Meisterwerk allerdings auch schon lange nicht mehr. Am besten ist der späte Chabrol meist, wenn ihn die Lust packt, richtig gemein zu sein. Zuletzt war er dies 1995 in „Biester“, wo er der saturierten französischen Provinzbourgeosie Sandrine Bonnaire und Isabelle Huppert als deklassiertes Rächerpärchen auf den Leib hetzte.

Sein neuester Streich, „Die Blume des Bösen“, muss ohne die Huppert und ihre einzigartige bübische Durchtriebenheit auskommen, knüpft aber mit Grundstimmung und Milieu an „Biester“ an. Doch der Meister bürgerlicher Destruktion bleibt diesmal eher zahm. Und die Leiche – nicht im Keller, sondern in einem Arbeitszimmer der Beletage – serviert er uns gleich zum Vorspann nach einer langen Kamerafahrt durch das Treppenhaus und die distinguiert ausstaffierten Wohnräume einer seiner typischen großbürgerlichen Herbergen. Das Opfer ist ein Mann mittleren Alters, offensichtlich nicht friedlich im Bett gestorben. Alles Weitere lässt sich wegen der ungünstigen Lichtverhältnisse nur ahnen.

Doch dann wird es schnell sehr hell. Da wird der junge François (sexy: Benoit Magimel) nach einem längeren Studienaufenthalt in den USA von seinem Vater vom Flughafen abgeholt, während in seinem Jugendzimmer das verführerischste Halbschwesterchen der Welt (améliös: Mélanie Doutey) auf ihn wartet. Mutter Anne lässt sich derweil von ihrem zwielichtigen Adlatus Matthieu (Thomas Chabrol) durch den Wahlkampf kutschieren, Gérard hält sich an jüngeren Formen der Weiblichkeit schadlos, Tante Line (Suzanne Flon) gießt lächelnd ihre Blumenbeete und macht gute Miene zum bösen Spiel. Folgt zwischen höflichen Bosheiten und antiamerikanischen Sottisen eine Intrige zum Dessert: ein anonymes Flugblatt, das die Kandidatin Charpin-Vasseur mit Verweis auf ihre Familiengeschichte diffamiert, wobei neben den inzestuösen Verstrickungen auch von Nazi-Kollaboration und Mord die Rede ist. Vorwürfe, die zumindestens teilweise stimmen.

Nur, wer steckt dahinter? Der politische Gegner? Ein Spinner? Oder vielleicht doch Annes Ehemann, der die Karriere seiner Gattin schärfer missbilligt, als er zugibt. Zutrauen würde es ihm jeder. Es ihm nachzuweisen, ist jedoch schwer. Aber alles kommt doch wieder ganz anders – so ist es bei einem intelligenten Routinier wie Chabrol.

Eine runde, sogar tiefgründige Sache. Trotzdem: Richtig frösteln will es einem dabei nie. Claude Chabrol sagt, er denke nicht daran, mit dem Filmemachen aufzuhören, schließlich sei es zu seiner einzig möglichen Lebensform geworden. Und so en passant kommt auch „Die Blume des Bösen“ daher: Wie ein alter Bekannter, der einen angenehm unterhält, ohne jemals wirklich aufzuregen. Selbst die kollaborationistische Vergangenheit scheint hier fast leidenschaftslos herbeizitiert, lebendig werden die Geister der Vergangenheit nicht. Enttäuschend auch die Ausflüge in den gegenwärtigen Arbeitsalltag der Bürgermeister-Kandidatin, die mit Intimus und Aktenköfferchen bei Sozialsiedlungsbewohnern und Rentnern auf Stimmenfang geht.

Hinreißend ist in diesem neuen Chabrol nur Suzanne Flon als Tante: eine im himmelblauen Kostüm bezaubernde französische Miss Marple. Und richtig verstörend sind eigentlich nur die allzu schmatzend aufgetragenen Küsse der beiden jungen Sprösslinge des Hauses. Da hilft nur ein Griff in die knisternde Popcorn-Tüte. Gute Unterhaltung!

Capitol, Central, Delphi, International, Kulturbrauerei, Yorck, OmU im Cinema Paris

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