Kultur : Tatort Familie

CHRISTINA TILMANN

Verwirrend, der elegische Anfang.Traurig, das Happyend.Und lang, ja, sehr lang die zwei Stunden zwischendrin.Oberflächlich gesehen ist André Techinés neuer Film "Alice und Martin" ein Wechselbalg.Er setzt ein mit einer langen Rückblende, lockt den Zuschauer in das etwas unübersichtliche Terrain kindlicher Einsamkeit, steuert nach einem Adoleszenz-Exkurs mit Flucht und Verfolgung auf die seit Jules-und-Jim klassische amour fou mit dazugehörigem Dreiecksverhältnis zu und mündet ins Familienmelodram - auch bei Patrice Chéreau ("Wer mich liebt, nimmt den Zug") und Jacques Rivette ("Geheimsache") neuerdings sehr beliebt.Dazu gibt es einsame Landsitze, goldene Kornfelder, Pariser Cafés und Juliette Binoche, hinreißend wie immer, als schöne Violinistin zwischen zwei Männern.Très français das ganze, und bien connu.Und so doch wieder nicht.

Denn Techiné wäre nicht Techiné, wenn er seinem Film nicht ein gesundes - nein, im Gegenteil, höchst ungesundes Maß Bosheit beigemischt hätte.Schon "Diebe der Nacht", sein letzter Film, war kaum noch zu übertreffen, was die kaltherzige Dekonstruktion traditioneller Familienmuster angeht."Alice und Martin" steht dem, wenn auch nicht ganz so konsequent, kaum nach.Denn obwohl der Film das Hohelied einer außergewöhnlichen Liebe singen möchte, triumphiert am Ende die allgegenwärtige Lieblosigkeit.

Martin ist eines von jenen unglücklichen Kindern, deren Gefühle früh vereist wurden.Als Zehnjähriger von der lebensfrohen Mutter (Carmen Maura) zum leiblichen Vater abgeschoben, hat er in dessen großem, leerem und kaltem Haus das Lachen und Reden verlernt.Die erste Szene, in der der Junge abends am Fenster das Schneetreiben beobachtet, schafft dafür ein nur zu augenfälliges Bild.Wenn der Vater zehn Jahre später durch einen Treppensturz zu Tode kommt, von dem man nicht weiß, ob es Unfall oder Absicht war, ist der Weg frei für die Flucht.

Diese führt den ungelenken Jungen (Prada-Model Alexis Loret in seiner ersten Schauspielrolle) nach Paris, in eine Blitz-Karriere als Model und in eine Liaison mit der Freundin seines Halbbruders Benjamin.Juliette Binoche ist Alice, eine selbstbewußte, eigenständige Musikerin, die sich nur zögerlich auf die Liebe zum zehn Jahre jüngeren, unreifen Knaben einläßt.Wenn sie es dann doch tut, tut sie es ganz, und man weiß doch nicht genau, was sie hält in dieser Beziehung.Erst als Martin zusammenbricht unter der eingebildeten Schuld des Vatermordes, und sie ihn begleiten kann auf der Suche nach sich selbst, findet sie, und damit der Film, zu jener Unbedingtheit, die bislang jede ihrer Rollen auszeichnete.

Etwas unklar bleibt das alles, und nicht ganz einsichtig.Eindringlicher sind die Schrecksekunden, die der Film immer wieder bereithält, wie aus dem Hinterhalt.Etwa jene Sequenz im unwirtlichen Feriendomizil am Meer, wo Alice und Martin ganz aufeinander angewiesen sind, sich immer mehr verlieren in Gleichgültigkeit und Haß, und er sich flüchtet, indem er weit ins Meer hinaus schwimmt.Was in Erinnerung bleibt, ist die gleißende Wasserfläche, das wogende Auf- und Ab, das gelegentlich aussetzt, wie ein Herzschlag, während sie vom Ufer aus bang beobachtet: Kommt er zurück?

Eindringlich, hinterhältig auch der Wandel von Martins Halbbruder Benjamin (Mathieu Amalric).Das ist eigentlich das Traurigste im Film, wie der einstige Rebell am Ende die verlogene Fassade der Familie bewahren will, gegen alle Freundschaft.In diesen Momenten spürt man etwas davon, was Téchiné eigentlich erzählen wollte, und was ihm in den Wirren des vagabundierend schweifenden Plots diesmal verlorenging.Man spürt es, wenn man den Film ratlos verläßt und dann nicht so schnell vergißt.Weil er das Gefühl vermittelt, man wäre die ganze Zeit auf der falschen Spur gefahren.Das Schleifen und Knirschen der Brüche ist fast fühlbar.Zusehen tut weh, reizt, irritiert.Auch das ist Kunst.Und ein Versprechen für den nächsten Film.

Von morgen an in Berlin in den Kinos Cinema Paris (OmU), International und Neues Off

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