Kultur : Tatort Spielplatz

Die Innenwelt eines Pädophilen: „Woodsman“

Martin Schwickert

Der Tisch ist aus Kirschbaumholz. Solide und geschmackvoll gearbeitet. Ein Hochzeitsgeschenk, das Walter (Kevin Bacon) für seine Schwester gebaut hat. Der Schwager hat es auf Drängen seiner Frau zurückgebracht – und nun ist der Tisch das Einzige, was von Walters altem Leben übrig geblieben ist. Zwölf Jahre saß er im Gefängnis, weil er wiederholt Mädchen auf dem Spielplatz belästigt hat.

In ihrem bemerkenswerten Debütfilm „Woodsman“ verfolgt Nicole Kassell den mühsamen Prozess der Wiedereingliederung eines verurteilten Pädophilen. Ein Balanceakt: „Woodsman“ fordert Empathie ein, wo Aversionen unüberwindbar scheinen. Walter bekommt einen Job in einem Sägewerk und eine Wohnung, von der er direkt auf einen Kinderspielplatz schaut. Der Blick aus dem Fenster ist Mahnung und Herausforderung zugleich.

Mit seiner Arbeitskollegin Vickie (Kyra Sedgewyk) beginnt Walter eine vorsichtige Affäre, die zu zerbrechen droht, als er sein Geheimnis enthüllt. „Wann werde ich wieder normal sein?“ fragt er seinen Therapeuten wieder und wieder. Aber auch diese wöchentlichen Sitzungen und die regelmäßigen Besuche des Cops (Mos Def) können nicht verhindern, dass Walter erneut Mädchen auflauert. Erst der unverhoffte Blick in die Gefühlswelt eines missbrauchten Kindes durchbricht das Verhaltensmuster.

Sexueller Missbrauch ist ein weitverbreitetes Verbrechen; gleichzeitig wird Pädophilie unter allen Perversionen öffentlich am entschiedensten gebrandmarkt. Diese Ausgrenzung– ein Abwehrmechanismus – sagt mehr über die Selbstverleugnungskraft der Gesellschaft als über ihre moralische Standfestigkeit aus.

Mit sanfter und sicherer Hand zwingt „Woodsman“ sein Publikum in eine Auseinandersetzung mit der Täterseite. Hierfür wählt Nicole Kassell einen klugen Erzählmodus, der alles Sensationelle und Spekulative meidet. Bilder und Töne werden in einen leichten Schwebezustand versetzt. Sogar die Musik scheint von Ferne durch die Lautsprecher in den Kinosaal zu dringen. Kassell blickt auf ihre Hauptfigur mit einer Mischung aus Nähe und Distanz, die nach psychologischer Genauigkeit sucht. Kevin Bacon erweist sich dafür als idealer Hauptdarsteller. Sein Walter ist ein wortkarger und verschlossener Mann, den die Angst vor dem Rückfall und vor der Offenbarung seiner Vergangenheit bestimmt. Vor der Außenwelt verschließt er sich mit eingezogenen Schultern, für die Zuschauer wird er plötzlich fühlbar.

Seinen Titel verdankt „Woodsman“ den Gebrüdern Grimm. In der amerikanischen Übersetzung ist es der woodsman, der dem Wolf den Bauch aufschneidet, aus dem Rotkäppchen und Großmutter unverletzt geborgen werden. „Den „Woodsman gibt es nur im Märchen“ heißt es im Film einmal. Im echten Leben gibt es niemanden, der eine Tat ungeschehen machen kann.

Cinemaxx Potsdamer Platz, fsk (OmU), Filmkunst 66, Kosmos

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